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1.Augustrede in Seon: Mehr Gemeinschaftssinn statt Eigennutz

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Was be­deu­tet Ihnen persönlich der 1.Au­gust? Wel­che Vor­stel­lun­gen rüttelt er in Ihnen wach? Wel­che Kindheitserinnerungen​?  Was sagen Sie, wenn ich Sie fra­ge, warum Sie heute hier sind? „Was soll diese Frage?“, den­ken Sie viel­leicht, „das ist doch klar: Wir fei­ern heute den 1.Au­gust, den Na­tio­nal­fei­er­tag​ der Schweiz. Wir den­ken an  un­se­rer Hei­mat – an das Gründungsjahr der Alten Eidgenossenschaft  1291, die al­ler­dings noch keine De­mo­kra­tie war, son­dern un­ter­teilt in Herr­schafts- und Un­ter­ta­nen­ge­bie­​te, wo nicht alle Men­schen in Frei­heit ge­lebt haben.“

Sicher gibt es aber 100 wei­tere Gründe, wes­halb Sie hier sind. Sie ge­nies­sen die ver­traute Ge­sell­schaft, den fei­er­li­chen Rah­men uf däm Platz mit sen­sa­tio­nel­ler Lag. Sie sind immer da­bei, Sie schätzen die Tra­di­tion, Sie sind bei der Or­ga­ni­sa­tion en­ga­giert, Sie sind Mit­glied vom Turn­ver­ein, der Bläsergruppe oder des Jod­ler­clubs. Oder Sie sind neu­gie­rig, wie die Feier hier abläuft und be­su­chen sie zum ers­ten­mal. Viel­leicht sind Sie sogar wegen des Red­ners ge­kom­men oder viel­leicht sind sie auch trotz des Red­ners da.
Je vielfältiger die Ant­wor­ten aus­fal­len, desto of­fen­sicht­li­cher ist es, dass hier Men­schen mit un­ter­schied­lichs­t​en Hintergründen und Mei­nun­gen zu­sam­men­fin­den um fried­lich den 1. Au­gust zu fei­ern. Diese Viel­falt ist ty­pisch für unser Land. Ich finde es des­halb ein schöne Tra­di­tion, dass Sie jedes Jahr Red­ne­rin­nen und Red­ner mit un­ter­schied­li­chen​ Hintergründen und Mei­nun­gen zu sich ein­la­den und ich freue mich, dass ich heute zu Ihnen reden darf.


Die Idee, das Jahr 1291 als Gründungsjahr der Eid­ge­nos­sen­schaft​ und den  1. Au­gust als Bun­des­fei­er­tag fest­zu­le­gen ist re­la­tiv jung und geht auf die In­itia­tive der Ber­ner zurück. In Bern wollte man 1891 das 700-jährige Be­ste­hen der Stadt fei­ern. Die Ver­bin­dung mit einer 600-Jahr-­Feier der Eid­ge­nos­sen­schaft​ kam da sehr ge­le­gen. Es gibt aber wei­ter in­ter­essante Daten in der Schwei­zer Ge­schich­te. Wir könnten heute auch an den 12. April 1798 den­ken, als die „Eine und un­teil­bare Hel­ve­ti­sche Republik“ pro­kla­miert wor­den ist und Aarau eine zeit­lang die Haupt­stadt der Schweiz war. Oder wir könnten dem Ende des Son­der­bunds­krie­ge​s von 1847 ge­den­ken, dem in­ner­schwei­ze­ri­s​chen Bürgerkrieg, wo die kon­ser­va­tiv ka­tho­li­schen Kan­to­ne, die sich gegen einen Bun­des­staat wehr­ten, nach 27 Kriegs­ta­gen den li­be­ra­len, meist re­for­mier­ten Kan­to­nen un­ter­le­gen sind. Dies war nämlich die letzte militärische Aus­ein­an­der­set­zu​ng auf Schwei­zer Bo­den. Als Er­geb­nis ist  am 12. Sep­tem­ber 1848 die Bun­des­ver­fas­sung und damit die Staats­form un­se­rer heu­ti­gen Schweiz ent­stan­den. Unsere erste mo­derne Ver­fas­sung von 1848 fusst auf dem zen­tra­len Grund­ge­dan­ken, dass  sich die Men­schen nie wie­der wegen kul­tu­rel­ler, religiöser, sprach­li­cher oder po­li­ti­scher Un­ter­schiede Ge­walt antun sol­len. Für mich ist der 1.Au­gust darum auch immer wie­der ein Tag der Be­sin­nung auf die­sen zen­tra­len Grund­ge­dan­ken – erst recht, wenn ich an die schreck­li­che Tragödie von Nor­we­gen denke.   
Doch las­sen wir die Ge­schichte und keh­ren wir kurz zurück zu 1291.
Die Le­gende sagt, dass sich die Ver­tre­ter der drei Kan­tone Uri, Schwyz und Un­ter­wal­den 1291 auf dem Rütli ver­sam­melt ha­ben, um sich mit ver­ein­ten Kräften gegen die Be­dro­hun­gen durch allfällige Ein­dring­linge und für ihre Frei­heit zu weh­ren.  
Heute leben wir zum Glück  nicht mehr in fins­te­ren Zei­ten, wo es galt, fremde Vögte ab­zu­weh­ren. Wir leben mit­ten in Eu­ro­pa, sind um­ge­ben von be­freun­de­ten Völkern mit eben­falls de­mo­kra­ti­schen Staats­for­men und wir sind Teil einer ver­netz­ten, glo­ba­li­sier­ten Welt, in der Di­stan­zen kaum mehr eine Rolle spie­len. Diese Glo­ba­li­sie­rung ist aber auch be­droh­lich und bringt Ver­un­si­che­rung mit sich. Was sich heute gegenüber 1291 geändert hat ist die Art der Be­dro­hung nicht aber das Zu­sam­men­ste­hen dagegen.  Be­droht sind nicht mehr un­sere Gren­zen, be­droht sind viel­mehr un­sere Wer­te.

Normen, Werte und Ideale verflüchtigen sich. Persönlicher Er­folg, not­falls auch auf Kos­ten an­de­rer, rücksichtsloser In­di­vi­dua­lis­mus und  die Gier nach immer mehr Geld ent­spre­chen eher dem Zeit­geist als Be­schei­den­heit, Solidarität und Rücksichtsnahme. Wenn die so­ge­nann­ten Märkte und nicht mehr die Po­li­tik die Spiel­re­geln dik­tie­ren, Spe­ku­lan­ten und Hed­ge­fun­d-­Ma­na­g​er den Währungszerfall an­hei­zen und Ban­ken vom Steu­er­zah­ler ge­ret­tet wer­den müssen, dann macht diese Ein­wick­lung nicht vor un­se­ren Gren­zen halt. Wir sind mit­ten drin. Das haben wir gespürt und spüren es gegenwärtig wie­der.

Ich bin seit 27 Jah­ren Leh­rer – ich bin es ger­ne, aber ich muss Ihnen sa­gen: Un­sere Kin­der- und Ju­gend­li­chen haben es nicht ein­fach. Sie wach­sen in un­se­rer auf Kon­sum aus­ge­rich­te­ten 24-­Stun­den-­Ge­sell​­schaft auf und im Ge­gen­satz zur mitt­le­ren und vor allem älteren Ge­ne­ra­tion haben viele  nie er­fah­ren, was Ver­zich­ten heisst. Der Wohl­stand scheint zu­wei­len gren­zen­los – man kann alles ha­ben, alles kau­fen - so­fort, und wenn man es nicht ver­mag, kann man sich sehr ein­fach ver­schul­den und es trotz­dem so­fort ha­ben. Die ak­tu­elle Ju­gend­ver­schul­dun​g spricht Bände. Wir Er­wach­se­nen ste­hen des­halb in einer be­son­de­ren Ver­ant­wor­tung. Wir müssen sie aber auch wie­der spürbar wahr­neh­men – in der Er­zie­hung, in der Schule und im öffentlichen Le­ben.
   
Eigennutz und Ego­is­mus statt Ge­mein­schafts­sinn führen dazu, dass immer we­ni­ger Leute in un­se­rem Staat be­reit sind, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen. Sie wer­den mir jetzt sa­gen, um einen Bun­des­rats­sitz gebe es doch stets ein rech­tes Ge­ran­gel. Das stimmt, aber  wir brau­chen nicht nur Bundesräte und Bundesrätinnen. Viele wich­tige Ent­scheide fal­len dort, wo sie die Men­schen di­rekt be­tref­fen. Zu­erst in der Ge­mein­de, dann im Kan­ton, schliess­lich im Land – wir leben ja in einem föderalistischen Staat. Die kleins­ten po­li­ti­schen Ein­hei­ten un­se­res Lan­des - die Ge­mein­den – haben bei uns so­viel Macht wie kaum in einem an­dern Land – und das ist gut so, denn damit ist die Po­li­tik den Bedürfnissen der Men­schen nah und durch unser Mi­liz­sys­tem sind bürgernahe Ent­scheide am  bes­ten gewährleistet. Damit dies so bleibt aber brau­chen wir Men­schen, die be­reit sind, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen.

Über 13 000 Leute en­ga­gie­ren sich be­reits in un­se­ren 2550 Ge­mein­den als Gemeinderätinnen und Gemeinderäte. Dazu kom­men Schul­pfle­gen, Mit­glie­der zahl­rei­cher Kom­mis­sio­nen, Par­la­men­ta­rier/in​­nen, Einwohnerräte aber auch Ver­eins­mit­glie­der​. Unser Mi­liz­sys­tem lebt und überlebt nur, wenn sich die Leute en­ga­gie­ren. Sie haben in Ihrer Ge­meinde Seon sage und schreibe über 50 Ver­ei­ne. Die the­ma­ti­sche Aus­wahl ist enorm: vom Armbrustschützenverei​n, über den Fuss­ball­club, die Mu­sik­ge­sell­schaft​ und die Thea­ter­gruppe bis zum Vo­gel- und Na­tur­schutz­ver­ein​, da hat es für jeden und jede etwas da­bei. Ich rufe sie auf, nützen Sie das ein­zig­ar­tige An­ge­bot – en­ga­gie­ren Sie sich – ma­chen Sie mit, übernehmen Sie Ver­ant­wor­tung. Die Er­fah­run­gen und Be­geg­nun­gen in die­sem ge­mein­sa­men Mit­ein­an­der sind loh­nens­wert. Man lernt das Zuhören, man übt die To­le­ranz und den Re­spekt vor der an­dern Mei­nung, man stellt die ei­ge­nen Bedürfnisse und Wünsche auch mal zu Guns­ten der Ge­mein­schaft zurück und  lernt den Ver­zicht. Man schafft ge­mein­sam Er­leb­nis­se, Identität und Kul­tur im Dorf, im Ver­ein, in der Par­tei, in der Kom­mis­si­on.
Das ist meine Schweiz – ge­tra­gen von Men­schen aller Ge­ne­ra­tio­nen mit un­ter­schied­li­chen​ Mei­nun­gen, die sich ge­gen­sei­tig re­spek­tie­ren.  

Wer durch unser vier­spra­chi­ges Land fährt, be­geg­net auf engs­tem Raum einer ein­zig­ar­ti­gen Viel­falt von Spra­chen, Kul­tu­ren und Land­schaf­ten. Tra­gen wir Sorge dazu, dass dies so bleibt! Ste­hen wir zu­sam­men und fördern wir den Ge­mein­schafts­sinn!​ Sie tun dies be­reits, in dem Sie an die­ser 1.Au­gust­feier teil­neh­men – dazu gra­tu­liere ich Ih­nen!
Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. Au­gust.


Kommentare von Lesern zum Artikel

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(3 Stimmen)
Franziska Keller sagte August 2011

Schön geschrieben! Aber die SP und ihre BR relativieren Ihren Artikel auf's Gröbste. Tut mir leid.
http://bazonli​ne.ch/schweiz/standar​d/Die-Genossen-bauen-​den-berwachungsstaat-​aus/story/24132636


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Roland Steiner sagte August 2011

Gemeinschaftssinn: ich nehme sie beim Wort:

Die letzten Jahre stelle ich fest, dass sich viele Politiker versuchen zu profilieren. Sie arbeiten nicht mehr zum Wohle der schweizerischen Gemeinschaft. Ihr oberstes Ziel ist es, Macht zu demonstrieren und ihr Ego in den Vordergrund zu stellen.


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Roland Steiner sagte August 2011

Die finsteren Zeiten sind aber nicht mehr weit weg. Wieviele Steuergelder fliessen wieder Richtung Europa!!??? Wieviele Steuergelder werden in nicht schweizerischen Institutionen verschwendet?? OK, verschwendet ist vielleicht der falsche Ausdruck, es gibt sicher auch Vorteile aus diesen Investitionen. Wenn man aber die Rechnung machen würde, ist die Summe der Aufwendungen sicher grösser als die Summe der Gewinne.
Und weshalb?? Damit ein paar einzelne ihr Ego ein wenig aufpolieren können?? Damit wir überall dabei sind??
Müssen wir den immer überall dabei sein. Etwas weniger wäre doch manchmal mehr.

Jedenfalls sind die Steuervögte schon wieder im Land und sitzen sogar in der eigenen Regierung und im eigenen Parlament.


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