Was haben Unkraut und Anti-Abtreibungsfanatiker gemeinsam? Richtig, sie beide kommen einfach immer wieder, egal wie oft sie gejätet oder vom Volk abgestraft werden. Vor nicht einmal zehn Jahren wurde die Fristenregelung für Abtreibungen in der Schweiz mit einer überwältigenden Volksmehrheit angenommen. Die Schweizerinnen und Schweizer setzten damit ein klares Zeichen: Sie sehen den Schwangerschaftsabbruch innert der ersten drei Monate als völlig legitime Entscheidung der Mutter an und hegen keinerlei moralische Vorbehalte dabei.
Nur ist es aber leider so, dass sich die Initiativparteien eigentlich herzlich wenig um den Volkswillen scheren – im Gegenteil: Wenn man den Leuten die Abtreibung nicht komplett verbieten kann, dann nimmt man sie ihnen eben scheibchenweise Weg. Eine neue Taktik muss also her – und was könnte sich besser dafür eignen als das Langzeit-Sorgenkind der Schweizer schlechthin: die Grundversicherung.
Da Abtreibung nicht verboten werden konnte, will die Initiative „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“ nun dafür sorgen, dass der Schwangerschaftsabbruch explizit per Verfassungszusatz aus der Grundversicherung ausgenommen wird. Für einen derart etablierten und von der Schulmedizin völlig akzeptierten Eingriff ist das eine bislang beispiellose Forderung. Und wozu dieser ganze Handstand? Nun, auf ihrer Webseite legen die Initianten dafür vier Hauptargumente vor. Diese sind, wie der Titel dieses Beitrags schon vermuten lässt, leider allesamt von „absolut haltlos“ bis „schlichtweg erlogen“ einzustufen:
- Die direkten und indirekten Gesundheitskosten werden reduziert.
- Die Selbstverantwortlichkeit der Versicherten wird gestärkt: Wer für sich die Möglichkeit einer Abtreibung in Betracht zieht, kann eine freiwillige Zusatzversicherung abschliessen oder die Kosten direkt bezahlen.
- Die Initiative stellt sicher, dass die obligatorische Krankenversicherung eher Leben rettet und heilt, nicht aber Leben vernichtet.
- Die Initiative stoppt den finanziellen Anzreiz durch die Krankenversicherung, Schwangerschaften abzubrechen. Das reduziert die Zahl der Abtreibungen.
Quelle: http://bit.ly/Iis8nB
Wie jeden Frühling durchs Unkraut müssen wir uns leider auch dieses Mal durch einen Wildwuchs aus Unsinn und Irreführung durchkämpfen. Aber sei’s drum:
Zum ersten Punkt: Direkte und indirekte Gesundheitskosten sollen also gesenkt werden. Im Grundsatz ist eine Abtreibung aber natürlich unendlich billiger als alleine schon die Geburt selbst, von den Kosten während der Schwangerschaft und der Versorgung des Kindes danach ganz zu schweigen. Um diesem Argument also auch nur einen Hauch Legitimität einzuverleiben, müssen die Initianten auch bei der Abtreibung alle nur erdenklichen Randbedingungen mit einbringen – z.B. psychische Folgen für die Patientinnen. Dabei deuten allerdings fast alle Studienresultate darauf hin, dass, Zitat: „ein Schwangerschaftsabbruch das Risiko für ernste psychische Probleme nicht erhöht.“ (http://1.usa.gov/HvC80w)
Ernste psychische Probleme treten vielmehr durch die Umstände einer ungewollten Schwangerschaft auf – beispielsweise durch eine Vergewaltigung. Dass es zur Bewältigung dieser kaum hilfreich ist, das Opfer mit finanziellen Hürden dazu zu zwingen, das Kind ihres Vergewaltigers zur Welt zu bringen, liegt wohl auf der Hand. Darin liegt leider auch die traurige Rolle der Abtreibungsgegner verankert: Erst will man diesen Frauen einen sicheren Abbruch verwehren, redet ihnen Schuldgefühle ein, bezeichnet sie sogar als Mörderinnen – und dann dreht man sich um und beschwert sich, dass durch Abtreibungen psychische Probleme auftreten können. Sehr clever. Aber leider nicht clever genug.
Unterm Strich ist der erste Punkt also völlig haltlos. Seien Sie versichert: Kein Schweizer spart auch nur einen Rappen ein, sollte diese Initiative angenommen werden.
(Siehe auch: http://bit.ly/HE0did)
Der zweite Punkt führt das Thema der Selbstverantwortung an. Das ist allerdings ein Argument, das sich gegen staatliche Grundversicherungen im Allgemeinen richtet – schlussendlich widerspricht jede Form von sozialer Versicherung zu einem gewissen Grad dem Prinzip der Eigenverantwortung. Sich dabei also explizit und ausschliesslich auf den Schwangerschaftsabbruch zu konzentrieren, macht eigentlich keinen Sinn. Es sei denn, man hat andere Motive. Womit wir auch schon beim dritten Punkt wären:
[…] eher Leben rettet und heilt, nicht aber Leben vernichtet.
Darin liegt natürlich des Pudels Kern. Die Initianten wollen nun mal halt einfache keine Abtreibung in der Schweiz. Könnten Sie den Schwangerschaftsabbruch komplett verbieten, würden sie keine Sekunde mit dieser Grundversicherungs-Finte verschwenden.
Aber die Frage, ob die Schweizer Bürgerinnen und Bürger eine Abtreibung als „unmoralische Vernichtung von Leben“ ansehen, wurde längst beantwortet. Die Antwort lautet nein.
Die ersten drei Punkte sind also schlussendlich nichts als kleine Taschenspielertricks, mit denen man auf Stimmenfang gehen will. Der vierte Punkt, jedoch, treibt es endgültig auf die Spitze und verleiht dem Ganzen eine hämische und absolut verwerfliche Note:
[…] stoppt den finanziellen Anzreiz durch die Krankenversicherung […]
Einen finanziellen Anreiz zur Abtreibung? Anreiz? Verdient denn eine Frau bares Geld, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheidet? Oder denken diese Menschen ernsthaft, dass irgendeine Frau in der Schweiz einen medizinischen Eingriff auf sich nimmt, nur um das Geld für Verhütung zu sparen? Das ist so weit hergeholt, das grenzt ans Groteske. Ein „finanzieller Anreiz“ ist natürlich blanker Unsinn. Was es aber in der Tat gibt, sind finanzielle Hürden. Und genau darum geht es den Initianten. Eine Abtreibung soll möglichst teuer sein und von der Versicherung nicht gedeckt werden, auf dass möglichst viele Frauen sie sich einfach nicht leisten können und gegen ihren Willen ein Kind zur Welt bringen müssen.
Und genau diese Art von Mentalität ist es, mit der mich Anti-Abtreibungsfanatiker immer wieder erschrecken. Aufgrund ihrer eigenen moralischen oder religiösen Wertvorstellungen wollen sie über den Körper und letztlich das ganze Leben dieser Frauen bestimmen können. Mit allen verfügbaren Mitteln wollen sie ihnen ebendiese Eingriffe vorenthalten, welche das Schweizer Stimmvolk doch vor so kurzer Zeit erst als völlig legitim und absolut akzeptabel deklariert hat.
Lassen Sie sich also nicht für dumm verkaufen! Es geht nicht um Versicherungen, nicht um Selbstverantwortung und ganz bestimmt nicht um Kostensenkungen. Es geht einzig darum, möglichst vielen Frauen diese unglaublich wichtige Entscheidung vorzuenthalten.



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