von Dean Coontz
Seit einer Woche hatte ich mich auf den DOK-Film «Die SVP-Schweiz» gefreut, der am Donnerstag auf SF1 ausgestrahlt wurde. Nicht umsonst. Es sollte die (unfreiwillige) Komödie des Jahres werden. Weise Voraussicht der Parteileitung also, erst gar nicht mit dem Produktionsteam des linken Staatsfernsehens zu kooperieren. Ein paar Dumme liessen sich dennoch finden – und gehörig vorführen. Teils aus Eigenverschulden, teils mit gütiger Mithilfe der Regisseurin Karin Bauer, die ihre Protagonisten zielgerichtet dahin lenkte, bis sie die polemische Aussage bekam, die sie hören wollte. Es ist ein Anti-SVP-Film geworden, die Objektivität der Macherin hat sich irgendwo zwischen dem Untertitel «Ein Volk im Reduit» und der Erwähnung von Heilands-Blocher verabschiedet.
Wäre der DOK noch vor den Wahlen ausgestrahlt worden, die SVP hätte Mühe gehabt, auch nur auf 20% Wähleranteil zu kommen.
Die drei Portraitierten des Films würden auf einer fiktiven Radikalitäts-Leiste ganz unterschiedliche Positionen einnehmen. In der Mitte ansiedeln müsste man wohl Andrea Spycher, Gemeinderätin von Bülach. Die will zwar beim zweiten Kaugummi-Diebstahl einer zehnjährigen Nicht-Schweizerin das Kind mitsamt der Familie ausschaffen, merkt aber noch vor Beenden des Satzes, das dies vielleicht doch eine Spur zu grausam ist. Gleichzeitig ist sie die einzige, die ein bisschen kritisch mit den Vorgaben der Obrigen umgeht und nicht alles schluckt was ihr eingebläut wird. So spricht sie sich zum Beispiel gegen Christoph Blocher als Ständeratskandidat aus und hinterfragt nach erfolgter Wahlniederlage die Vorgehensweise der SVP (Im Gegensatz zu Natalie-wir-haben-keinen-Fehler-gemacht-Rickli). Andrea Spycher gibt unumwunden zu, dass sie als junge Person, insbesondere als Frau, bei der SVP ein gerngesehenes Mitglied ist um das Image der Partei zu verbessern. Noch lieber hätte man aber vermutlich, die Jungen und Frauen – und eigentlich auch alle übrigen – würden nichts anderes tun, als ihre angedachte Funktion einnehmen: den Körper und Geist für das Gedankengut der Schweizer Volkspartei hergeben um diese Hülle mit Befehlen von oben füllen zu lassen.
Sowas lässt Andrea Spycher glücklicherweise nicht mit sich machen und schliesslich bleibt da noch die Hoffnung, dass ihre Tochter guten Einfluss auf sie nimmt – auch dieser Erziehungsweg soll möglich sein –, denn die findet, die fremdenfeindlichen Ansichten ihrer Mutter seien «ab und zu ein wenig lächerlich». Und während Andrea Spycher für ihre Kinder Shania, Kenny, Nick und Chris zu Mittag Lasagne kocht, zeigt sich, dass ihre fremdenfeindliche Borniertheit in der Namensgebung und Kulinarik an ihre Grenzen stösst.
An Inkonsequenz wird sie aber noch um einiges von Peter Frei übertroffen, seines Zeichens Ortspräsident SVP/Dielsdorf. Er wettert gegen Ausländer, während am Nebentisch seine philippinische Ehefrau das Essen ausgibt. Er wettert gegen Ausländer, während in der Baracke im Hintergrund seine ausländischen Bauarbeiter-Kollegen das Pausenbrot essen und er wettert gegen Ausländer wenn vis à vis seines Wohnauses seine Frau und weitere Ausländerinnen das Hotel putzen. Wieso er trotzdem bei der SVP ist? Keine Ahnung, vielleicht weil er sich irgendwann in früheren Jahren mal dazu entschlossen hatte, weil es sich in seinem Umfeld so gehörte. Möglicherweise ist er auch nur noch deshalb in der SVP, weil er einfach nicht mehr aus dem Mail-Verteiler der Volkspartei rauskommt und so weiterhin in regelmässigen Abständen eine Auflistung zugeschickt erhält, wer wieviel Geld für die Partei gesammelt hat. Solche scharf formulierten Aufforderungen um Mitglieder einem Konkurrenzkampf zu unterziehen und unter Druck zu setzen, kannte ich bislang nur aus Sekten und selbst den Dorfpräsidenten beunruhigen sie. So geht er halt Tag für Tag weiter auf «Betteltour» um im Ansehen der Parteizentrale zu steigen. Sichtlich ungern, was für ein ehrenamtliches Parteiengagement schon mal eine tolle Voraussetzung ist.
Sympathisch macht ihn trotz seinen verschrobenen Ansichten nicht zuletzt auch der Umstand, dass bei ihm Selbstwahrnehmung und Realität nicht exorbitant auseinanderdriften («Ich hätte vermutlich keine Schweizer Frau gekriegt»).
Bei jemand anderem haben sich Selbst- und Fremdwahrnehmung längst auf Nimmerwiedersehen voneinander verabschiedet. Wo er noch richtig liegt: In der Tat ist er ein «bissiger, verdammter Schäferhund» (Ich persönlich hätte ja zu mehr Vorsicht geraten mit Schäferhund-Vergleichen im Hinblick auf die historische Vergangenheit dieses Tiers…). Hinzufügen müsste man bei Hans-Ulrich Lehmann aber noch, dass er nicht der “Siebensiech” ist für den er sich hält, sondern dass seine Attitüde vielmehr das Klischee des selbstgefälligen Nach-mir-die-Sintflut-Kapitalisten voll und ganz erfüllt. Glücklicherweise haben das auch die Wähler erkannt und so landet er trotz einer 200`000 Franken Wahlkampagne nur abgeschlagen auf dem 24. Listenplatz. Das dürfte an seinem Ego wohl genauso gekratzt haben, wie auch von Silvia Blocher nicht erkannt zu werden. Und das obwohl der 300-fache Millionär Lehmann Unsummen in die SVP-Parteikasse zahlt, während seine Mutter mit ihrer Flohmarkt-Bluse in der 50-jährigen Kachelplattenküche vor sich hin köchelt und dabei anscheinend weniger pekuniäre Liebe ihres Sohnes verdient hat als die SVP.
Wie in manchen Filmen so üblich gibt es auch in diesem Dokfilm eine Nebendarstellerin, die mit ein paar Sätzen den Hauptdarstellern die Show stielt. In diesem Falle ist es eine Kassiererin im Supermarkt, die selbstredend auch gegen Ausländer ist. Zwar – so erzählt sie – hatte ihr Sohn nur Ausländer als Kollegen und ihre Tochter ist mit einem Italiener verheiratet und der Ausländer, der zufälligerweise in der Schlange steht, sei «ein Flotter», aber man sei halt trotzdem gegen Ausländer. Erst im Verlauf dieser Ausführungen beginnt sie zu merken, dass ihre Erfahrungen mit Ausländern wohl eher das Gegenteil von Ausländerfeindlichkeit evozieren müsste und so konstatiert sie: Eigentlich bin ich gegen Gewalt. Wow, was für ein Paukenschlag. Diesen Slogan sollte man sich schon mal vorsorglich notieren, um ihn als Zugpferd bei den Wahlen 2015 zu verwenden, mit was sonst kann man heute denn noch 99.99% der Wählerschaft ansprechen?
Obwohl sehr einseitig, hat der Film auch seine guten Stellen. Die beste: als Andrea Spycher – angesprochen auf frühere Immigrationswellen – erklärt, die Portugiesen und Italiener hätten sich halt integriert und die Jugoslawen seien von der Kultur her anders, besonders wenn sie in Gruppen auftreten. Auf dieses Statement folgt eine Rückblende: Bülach 1970, selber Ort, vierzig Jahre zuvor. Zwei Off-Stimmen besorgter Schweizer erklären: «Zum Bischpil, wenn sie da z`Bülach z`Städtli z`durab laufed, ja, da ghörsch ja gopferdelli kein Schwiizer meh, ghörsch nur na Italiener.» und «Ja, wenn sie einzeln uftreted, denn mag ichs also ganz guet, nur wenn sie in Gruppe chömed, denn ischs immer e bsunderi Sach». Was sagt uns das? Integration braucht Zeit. Jede Generation hat ihre eigenen ausländischen Volksgruppen, die ihnen momentan Probleme bereiten, welche rückblickend aber an Heftigkeit verlieren. Und jede Generation hat darüber hinaus auch ihre eigenen Xenophoben, die auf den Plan treten. Geschichte wiederholt sich. Und wenn man das erkannt hat, sollte man sich mal nach einer grundsätzlichen Lösung für dieses anscheinend immer wiederkehrende Problem kümmern. Da reicht es nicht mehr aus, das Problem nur anzusprechen. Schon gar nicht mit rassistischen Parolen auf tausenden Plakaten. Und so schliesst der Film mit folgendem selbstreflektierenden Dialog, der Mut macht für kommende interparteiliche Lösungsfindungen:
Andrea Spycher: «Vilicht simmir eifach zu provokativ. Und vill Lüüt möged das nüme verliide.»
SVP-Mitglied:«…eifach konstruktiver d`Schwiiz wiiterbringe, nöd nur degege, sondern au sägä wiemer d`Lösige hend.»
Andrea Spycher: «Ja, aber mir hend sie ja nöd!»
Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung.

