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Es braucht eine Universitätsreform

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Das Schwei­zer Hoch­schul­we­sen ist at­trak­tiv. Aber nicht für Schwei­zer. Des­halb braucht es neue Ansätze.

Die Schweizer Hochschulen gehören weltweit zu den Besten. Über 70 Prozent der Studierenden in der Schweiz studieren an einer der Top-200-Universitäten​ des Shanghai-Rankings. In den USA oder in Deutschland beispielsweise liegt diese Quote mit knapp 20 Prozent weitaus tiefer. Doch die Freude ist getrübt. Es mangelt an Schweizer Nachwuchs für den expandierenden, sich entwickelnden Wissenschaftsbereich.​ Immer mehr Deutsche und andere Ausländer nehmen an unseren Universitäten Assistenten- und Professorenstellen ein. Was läuft denn falsch?

Warum bleibt der Schweizer Nachwuchs aus? Einerseits sind es die attraktiven Angebote in der Wirtschaft, die viele Junge vom ungewissen und anstrengenden Akademikerdasein abhalten. Wer sich auf den wissenschaftlichen Weg begibt, muss sich mit befristeten Anstellungen begnügen. Assistenzprofessoren mit Festanstellungsoption​en (Tenure Track) sind rar. Der Auslandaufenthalt ist zwar Pflicht, aber keine Garantie für eine akademische Karriere im Heimatland. Viele Akademikerinnen und Akademiker befürchten, mit vierzig Jahren vor dem Nichts zu stehen.

Daher ist aus heutiger Sicht die wissenschaftliche Tätigkeit an Hochschulen im Vergleich zu anderen Berufsmöglichkeiten für hoch qualifizierte Studienabgängerinnen und Studienabgänger zusehends unattraktiv. Was ist zu tun? Die CVP hat in ihrem Positionspapier für eine ausgezeichnete Bildung folgende Forderungen aufgestellt: Die Perspektiven für eine akademische Karriere müssen verlässlicher sein, dazu gehören mehr Stellen im oberen Mittelbau und für die Spitzenforscher frühere Zusicherungen auf eine Professorenstelle. Es braucht aber - gerade auch für Frauen - Anstellungsbedingunge​n, welche die Familienverträglichke​it verbessern und bessere, strukturiertere Betreuung im Rahmen von Graduiertenprogrammen​. Zudem muss die Doktoratszeit namentlich in den Geistes- und Sozialwissenschaften verkürzt werden.

 

Seilschaf​ten und Königreiche?

Meine Erfahrung an der ETH und als Universitätsrätin haben mir gezeigt, dass die Berufungskommissionen​ einen ganz entscheidenden Anteil an der zukünftigen personellen Zusammensetzung der Hochschulen haben.

Unabhängige Kommissionen mit vorwiegend auswärtigen Experten sind für die Besetzung der Lehrstühle äusserst wichtig. Hier ist die ETH Zürich der Universität voraus. Für die Nominierungen braucht es zudem einen Kriterienkatalog, der mehr als die Publikationsliste beinhaltet. Auch die Lehrtätigkeit, Sozialkompetenz, menschliche Qualitäten, die Bereitschaft zu Mitarbeit im Kollegium und eventuell Sprachkenntnisse sollen bewertet werden. Es sollen keine qualifizierten Schweizer Bewerbungen (> 50 jährig) aus versicherungstechnisc​hen Gründen (BVK) zurückgewiesen werden. Die wissenschaftliche Tätigkeit kann mit ausgezeichneten Publikationen erbracht werden, die Habilitationspflicht soll nicht zum Ausschlusskriterium werden.

Es braucht nicht unbedingt 100 Prozent-Anstellungen für Assistenten während der Dissertation, es braucht aber mehr Gewissheit für die Zeit nach der Doktorarbeit, flachere Hierarchien und die Möglichkeit erst später aus der Privatwirtschaft an eine Uni berufen zu werden. Es braucht die Verhinderung von verschiedentlich festgestellten Seilschaften und Königreichen.

Die Wissenschaft verlangt ständig neue Herausforderungen, sie braucht aber auch Freiräume und Entfaltung. Dies darf aber auch kein Grund sein, dass einmal gewählte Professoren eine absolute Besitzstandgarantie haben. Gelegentlichen Erfolgs- und Qualitätskontrollen soll sich auch das gut bezahlte akademische Kader unterstellen, wie dies in der Wirtschaft üblich ist.

 

Bologna-Mäng​el korrigieren und Bildungsdepartement schaffen

In der Lehre haben die Universitäten eine grosse Reform hinter sich. Die Einführung von Bologna hat zu viel Unruhe, einem grossen Effort und noch nicht ganz befriedigenden Resultaten geführt. Studierende wie Lehrende beklagen einen neuen Buchhaltergeist an den Hochschulen. Das Bologna-Programm hat aber auch zu einem grossen Mehraufwand für Assistenten und Professoren geführt. Wir brauchen eine gründliche Analyse der Umsetzung der Bologna-Reform in der Schweiz und die konsequente Behebung hierbei festgestellter Mängel.

Auf nationaler Ebene braucht es für die Hochschulen aber vor allem einen Piloten, der gewillt ist, das universitäre Bildungswesen zu reformieren. Seit Jahren verlange ich daher, dass sämtliche Bereiche der Bildung, Forschung und Innovation, welche in den Kompetenzbereich des Bundes fallen, in einem Departement zusammengefasst werden. Ein schweizerisches Bildungsdepartement muss übergreifende Aufgaben im Bildungswesen wahrnehmen, eine Scharnierfunktion für die Kantone bieten und eine nationale Strategie für die tertiäre Bildung und Nachwuchsförderung festlegen.


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Kommentare von Lesern zum Artikel

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Paulsen Jens sagte June 2011

Viele Studenten, die realitätsbezogen denken, gehen nicht in die Wissenschaft, weil eine Forscherkarriere nicht familienkompatibel ist. Wer findet es denn erstrebenswert, bis vierzig mit einem Klo, einer Kochnische und einer Dusche in immer einer anderen Stadt zu wohnen und sein aktives Leben hinter dem Labortisch oder auf Kongressen zu verbringen. Wenn nur Leistung bewertet wird, geschieht dies nach messbaren Kriterien, und das bedeutet, dass derjenige gut ist, der viel schreibt, und nicht der, welcher nur dann schreibt, wenn er etwas mitzuteilen hat. Deshalb ist auch guter Unterricht nur Zeitverlust.
Von den vier Jahren einer Postdoc-Stelle geht das erste drauf, bis man weiss, wie am neuen Ort der Karren läuft, und das letzte, weil man für danach wieder Geld einwerben muss. Nicht besonders effizient.
Sind sie dann Professor geworden, entwickeln sich viele zu geistigen Frührentnern, um die Zeit zu kompensieren, wo sie untendurch mussten. Die Ausnahme bestätigt die Regel.


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Hans Meier sagte May 2011


Im Blog nicht erwähnt. Die Lehre ist in vielen Bereichen höchstens genügend. Den Unis ist die Ausbildung der Studenten egal. Wichtig ist mit Modethemen in den besten wissenschaftlichen Zeitschriften zu publizieren. Danach wird die Forschung ausgerichtet. Ob irgendein Bereich wichtig für die Ausbildung der Studenten wäre, spielt keine Rolle. Da wurden und werden ganze Bereiche eingestampft, nur weil das Thema nicht angesagt ist. Teilweise wird sogar an allen Unis nur noch das gleiche gelehrt. Dafür müssen wir die Spezialisten im Ausland holen. Diese Kompetenzen existieren in der Schweiz nicht mehr. Das ist langfristig vernichtend für unsere Industrie und katastrophal für den Nachwuchs. Ich kenne jemand der ist gezwungen Ausländer anzustellen, nachdem der Lehrstuhl abgeschafft wurde!
Neben den Unis ist der SNF einer der wichtigsten Treiber dieser Entwicklung.



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(1 Stimme)
Hans Meier sagte May 2011

Ausgezeichnete Forscher erhalten mit Glück eine der wenigen Professuren und damit die einzig mögliche Festanstellung an einer Uni. Einmal Professor wird die Forschung zur Nebensache. Der Professor wird mit Administration zugemüllt, muss eine Gruppe führen und sich um die Lehre kümmern. Jedoch waren seine Qualitäten als Forscher der einzige Einstellungsgrund. Zu oft versagen sie in ihrer Managementfunktion und in der Lehre. Das System führt zu einer schlechten Lehre und bringt nichts für die Forschung. Da wären Gruppenleiterstellen wie an der WSL oder EAWAG eine gute Alternative. Da können ausgezeichnete Forscher sich wirklich zusammen mit zwei bis drei Doktoranden um die Forschung kümmern. Nach Doktorat und ca. 10 Jahren als Forscher, können die Kompetenzen abgeschätzt werden und den Leuten eine Festanstellung angeboten werden. Das gleiche gilt für die Lehre. Zumindest für das Grundstudium könnten auch gute Dozenten extra dafür angestellt werden. Jeder hätte nebenbei auch ein bisschen Forschung, aber das wichtigste wäre die Lehre. Multitalente könnten dann immer noch Professor werden.




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Martin Brandenberger sagte May 2011

Stimmt alles und ist auch korrekt, ist aber nichts anderes als Heimatschutz und wird am Geld scheitern. Die Löhne und die Arbeitsbedingungen sind voll dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Forschung ist fast zu 100% Englisch und nicht in "Züridütsch". Ein Postdoc verdient nach 8-10 Jahren Ausbildung und Forschungsarbeit weniger als eine Kindergärtnerin frisch vom Studium. Wer will das bezahlen? Und warum soll man nicht den ausländischen Forscher nehmen, der Bereit ist doppelt und dreifach zu arbeiten für den gleichen Lohn und nicht in den Militärdienst muss? Es zählt nur Leistung und das ist auch richtig so!

Ein Heimvorteil bringt in der Forschung überhaupt nichts, oder höchstens, dass wir den Zug nach Bern ein bisschen schneller finden für ein Meeting.

Ihr Vorschlag würde massiv mehr Kosten bedeuten für das Bildungswesen, bei praktisch gleichbleibendem wissenschaftlichem Output. Als Gegenleistung haben wir ein paar zusätzliche Schweizerinnen und Schweizer im Hochschulwesen und in der Forschung. Die Hochschulen würden eventuell sogar in den Ranglisten zurückgestuft. Das wird politisch null Chancen haben, da es nichts anderes ist als Heimatschutz und kostet!

Seien wir daher ehrlich. Statt Kinder via Schulausflüge an Forschungsinstitute zu fahren, motivieren Sie diese lieber KindergärtnerInnen, Politiker, Ingenieure oder SkilehrerInnen zu werden... bzw. sich für irgendetwas zu interessieren, dass aktiv (Politik) oder passiv (Mundart, Berge) heimatgeschützt ist.

Besser das Geld in die Primarschulen, Gymnasien und auch in die universitäre Ausbildung/Weiterbild​ung investieren, da es dort noch ziemlich viele Lücken hat.

Gegen den Wettbewerb können wir nicht schwimmen. Lustigerweise auch nicht die Wissenschaftler. Das heisst in Zukunft für angehende Wissenschaftler (Doktoranden) so tiefe Löhne wie möglich zu bezahlen (jedoch möglichst viele Doktoranden anzustellen), wenige Festanstellungen anzubieten, damit der Konkurrenzkampf unten möglichst hoch ist (bedeutet mehr wissenschaftliche Artikel pro Person!) und ein paar gut dotierte und bekannte Professoren einzustellen. Die schweizer Universitäten würden noch besser in den Rankings dastehen, noch höher aufsteigen und wir wären noch attraktiver für das Ausland bei gleichbleibendem Forschungsbudget. Hervorragende Nachwuchsforscher finden wir genug im Ausland. Für die Forschung braucht es eher selten Schweizerdeutsch....


Und für die wenigen schweizer Forscher die es trotzdem schaffen durch herausragende Leistungen, Motivation und etwas Glück eine fixe Anstellung zu ergattern freuen wir uns natürlich.

Staatli​ch gefördertes schweizer Forschungsbrauchtum ist jedoch realitätsfremd. Bitte, kein Geld in ein so aussichtsloses Unterfangen verpulvern!



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