Bildung, Forschung, August 2010

Lehrermangel – Bildungsmangel?

Blog von Kathy Riklin
Beitrag von Kathy Riklin CVP
Nationalrätin
Blog/Profil aufrufen

Blog abonnieren
per Mail
per RSS

Artikel weiterempfehlen



Stimmen Sie dem Artikel zu?
Ja Nein

Der Leh­rer­man­gel wird zu einem aku­ten Pro­blem. Zürich und an­dere Re­gio­nen su­chen ver­zwei­felt Leh­re­rin­nen und Leh­rer. Of­fen­sicht­lich wur­den die Pro­gno­sen, wel­che einen Leh­rer­man­gel auf­zeig­ten, nicht ernst ge­nom­men. Nun wird auch in Deutsch­land und Österreich ge­sucht. Ob diese Lehrkräfte aus den Nachbarländern un­se­ren Schul­stoff ohne Pro­bleme ver­mit­teln können?

Im Kanton Zürich zum Beispiel waren mitte Juli 195 Stellen, davon 55 für Klassenlehrer, nicht besetzt. Aus der Not werden nun Studierende der Pädagogischen Hochschule in den letzten zwei Semestern der Ausbildung direkt als Lehrpersonen engagiert. Dies würde ich als Praktikum in Realsituation bezeichnen. Zudem sollen in den nächsten Jahren Quereinsteiger die Misere in den Schulen entschärfen.

Auf der anderen Seite fordert der Lehrerverband LCH fünf Jahre Studium für alle Lehrpersonen. Damit soll der Lehrberuf mit einem Masterstudiengang aufgewertet werden. Ob dies den Beruf attraktiver machen wird? Denn der aus meiner Sicht äusserst anspruchsvolle Lehrberuf hat ein Imageproblem. Zu lange konnte man über „faule Lehrer“ herziehen. Absolut zu Unrecht. Denn nur, wer einmal vor einer Klasse stand, weiss wie anstrengend das Unterrichten ist. Dazu kommen die Elternkontakte, die häufig schwierig sind. Die Schulferien (zu einem Teil auch unterrichtsfreie Zeit zum Vorbereiten) sind zwar lang, aber nicht frei wählbar. So haben wir heute Lehrermangel - trotz Jugendarbeitslosigkei​t! Dabei ist der Schulberuf ein anspruchsvoller und befriedigender Beruf. Mit Kindern arbeiten ist auch nachhaltig. Die Tätigkeit erlaubt es junge Menschen zu „bilden und zu formen“ und führt nach Jahren zu wunderschönen Begegnungen mit den ehemaligen Schülern.

Lässt sich der Lehrermangel mit rein technischen Massnahmen lösen? Ich denke nein. Wir brauchen eine starke öffentliche Volksschule. Dies erreichen wir nur mit geeigneten und motivierten Lehrpersonen. Nicht die Länge der Ausbildung für Lehrpersonen der Basisstufe und Unterstufe ist ausschlaggebend, sondern die Eignung, die gute Unterrichtsgestaltung​ und das feu sacré. Nur damit erreichen wir die beste Bildung für unser Land. Und diese Lehrerinnen und Lehrer dürfen uns auch etwas wert sein. Daher soll ihre Entlöhnung gut sein, ohne dass diese durch eine fünfjährige akademische Ausbildung „gerechtfertigt“ wird.


   

Kommentare von Lesern zum Artikel

[ Neuen Kommentar verfassen ]

0%
(1 Stimme)
Karin Kündig sagte Oktober 2010

Auch Lehrer mit den besten Voraussetzungen können ihre Fähigkeiten nicht einsetzen, wenn ihnen von Seiten der Schüler weder Respekt noch Lernwille entgegengebracht wird. Es werden immer mehr Fachpersonen und Fördergruppen herbeigezogen, aber die Hilfe der eigentlichen "Erzieher" wird immer weniger in Anspruch genommen. Sind in dieser Problematik nicht gerade wir Eltern gefragt? Würden sich Eltern interessierter und praktischer im Schulwesen involvieren (dürfen), so würde sich wohl einiges verändern am Image des Lehrerberufs und des Schulwesens schlechthin.
Meiner Meinung nach ist die Präsenz von Eltern im Schulalltag gefragt
- um zu gewährleisten, dass Schüler soziale Umgangsformen und Anstandsregeln beibehalten und nach Bedarf erlernen (gegenüber Lehrpersonen aber auch gegenüber anderen Schülern)
- um Schüler zu motivieren und ihnen (u.a. also den eigenen Kindern) durch ihr Interesse und ihren Einsatz vorzuleben, wie wichtig Bildung und Lernen ist
- um Hilfestellung bei Lernschwierigkeiten und zwischenmenschlichen Problemen zu leisten.
Statt Militärdienst hätten somit Eltern einmal im Jahr ein paar Tage "Schuldienst". Vielleicht ist so ein Einsatz in unserer berufsorientierten Gesellschaft schon unmöglich geworden - Bildung ist ökonomisch gesehen scheinbar weniger wichtig als das Militär. Aber vielleicht wäre es für alle Parteien (Kinder, Eltern, Lehrer) ein Schritt in Richtung Zusammenarbeit und gesellschaftliche Integration.



Ihre Meinung dazu? Stimme zu Stimme nicht zu

50%
(8 Stimmen)
Roland Steiner sagte Oktober 2010

Man spricht immer von der Aufwertung des Lehrerberufs. Und was hat man gemacht? Die Ausbildungszeit wurde verlängert. Jetzt ist es schon so weit, dass für das Erlernen des Lehrerberufs gleich viel Zeit investiert werden muss wie für viele andere Universitätsabschlüss​e. Gleichzeitig haben sich aber die Löhne nicht im gleichen Masse angepasst. Ist es somit den heutigen Jungen zu verdenken, wenn sie ein Studium absolvieren, welches sich auch finanziell bezahlt macht. Meines Erachtens müssen wir wieder von dieser Akademisierung des Lehrerberufs wegkommen. So wie früher das Lehrerseminar innerhalb von 4-5 Jahren junge Leute nach dem 9. Schuljahr gezielt zu Primarlehrern ausgebildet hat,funktionierte es doch viel besser. Diese Leute wurden in einem speziellen Umfeld gezielt zu Fachleuten ausgebildet. Dies war sicher der bessere Weg als über die Matura und Universität einen Master zu erlangen. Somit empfehle ich, dass der Beruf der Primarlehrer ähnlich einem anderen Beruf erlernt wird. Dass dabei etwas mehr Zeit gebraucht wird als bei anderen Berufen ist dann auch in der aktuellen Entlöhnung der Lehrer erkennbar.





Ihre Meinung dazu? Stimme zu Stimme nicht zu

50%
(6 Stimmen)
Alois Amrein sagte Oktober 2010

Liebe Frau Ricklin, Sie haben das Problem erkannt und umschrieben. Der bestehende Lehrermangel ist ein künstlich geschaffener, unter aktiver Mithilfe des Lehrerverbandes wurde der Zugang zum Lehrerkartell immer mehr erschwert, indem die Hürden für Berufsfremde bzw. Quereinsteiger immer höher angesetzt wurden. Vor 30 Jahren war es problemlos möglich, mit Matura Stellvertretungen an einer Primarschule zu übernehmen. Heute wird eine sog. pädagogische Grundausbildung gefordert. Die allgemeine Verschulung der Gesellschaft lässt grüssen.
Die "Lösungen" der PHZH und der PHNW für Quereinsteiger sind unbefriedigend, da einmal mehr unnötige Hürden für den Zugang geschaffen werden. Gleichzeitig beklagt sich das Lehrerkartell von Herrn Zemp über angeblich zu tiefe Löhne. Ein Vergleich mit den Löhnen in der Privatwirtschaft zeigt jedoch, dass Lehrer schon in den ersten Jahren auf Primarschulstufe sehr gut bezahlt sind, von Sekundar- und Gymnasiallehrern ganz zu schweigen.



Ihre Meinung dazu? Stimme zu Stimme nicht zu

92%
(12 Stimmen)
Willy Burgermeister sagte August 2010

Ja, dem Lehrermangel müssen wir begegnen. Ja, die Bildung muss gefördert werden.

Dabei müssen wir allerdings auch die breiter gefächerten Zusammenhänge unserer Gesellschaft verstehen:

Otfried​ Höffe, Professor am Philosophischen Seminar der Universität Tübingen: Ein echtes Gerechtigkeitsproblem​ lauert in der Frage, welchen Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) wir dem Gesundheitswesen im Verhältnis zur Bildung einräumen. Denn das Bildungswesen kommt vor allem der Jugend zugute, das Gesundheitswesen zunehmend älteren Menschen.

Wie halten wir es damit? Beschäftigen sich unsere Politiker mit dieser Frage?



Ihre Meinung dazu? Stimme zu Stimme nicht zu

85%
(13 Stimmen)
Rolf Späti sagte August 2010

Die von Kathy Riklin aufgeführten Gründe, wie dem Lehrermangel begegnet oder besser entgegnet werden kann und soll, kann ich unterstützen. Auch die kritischen Bemerkungen zu den ausländischen Lehrpersonen und die ebenso kritischen Ausführungen zu den Massnahmen welche vom Verband in Betracht gezogen werden, kann ich unterstützen. Aus meiner Sicht gibt es aber noch weitere Gründe, warum zuwenig junge Menschen den Lehrerberuf als ihren Wunschberuf wählen.
Der Gesellschaftspolitisc​he Wandel und die Veränderungen im sozialen Umfeld in der Gesellschaft haben massiv dazu beigetragen, dass es nicht mehr "cool" ist als Lehrerin oder Lehrer aufzutreten. Vor Menschen zu treten und seine Meinung kund zu tun, ist nicht mehr opportun. Man stellt sich der Oeffentlichkeit und wird daher angreifbar und kann jederzeit kritisiert werden. Die Fähigkeit Kritik zu ertragen bekommt in unserer Gesellschaft einen immer kleineren Stellenwert. Sich zu exponieren wird mit Hähme und Kritik belohnt und nicht mehr mit Achtung und Respekt. Wir Politiker tragen leider auch dazu bei und manche Extrempolitiker werden gerade deswegen vom Volk auch noch unterstützt. Von der Lehrperson wird erwartet, dass sie jederzeit alles weiss und möglichst auch alles kann. Dazu soll sie noch unterwürfig den Elternansprüchen genügen und jederzeit verfügbar sein. Für manche soll die Lehrperson gewisse Härte ausstrahlen und für andere soll sie sehr sanftmütig und liebevoll agieren. All diese Voraussetzungen kann eine junge dynamische, auf von der Gesellschaft erwarteten Egoissmus getrimmte Person nie und nimmer erfüllen. Die gewünschten Voraussetzungen kann nur erfüllen, wer ein hohes Mass an Sozialkompetenz und enorme Menschenkenntnis hat. Diese Attribute können aber nicht im Studienweg erlangt werden und deshalb sollte man sich schnell darüber Gedanken machen, wie die Ausbildung der Lehrpersonen verändert werden kann, um den Lehrerberuf wieder attraktiv zu machen.


Ihre Meinung dazu? Stimme zu Stimme nicht zu

Seite 1 von 1

Neuen Kommentar verfassen

Sie müssen als User, Newsletter-Abonnent oder Gönner von Vimentis oder bei Facebook registriert sein, um auf diese Seite zugreifen zu können. Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich kostenlos:

Auf Vimentis direkt einloggen..
 
 ... oder mit Ihrem Facebook-Account
 
E-Mailadresse:
Passwort:

Haben Sie Ihr Passwort vergessen?
 




Noch nicht registriert?
Registrieren Sie sich jetzt hier kostenlos.