Seit Kurzem sind die Grundlagen des Lehrplans 21 bekannt. Auch wer sich nicht stark mit den Details befasst, bemerkt etwas sofort: Das Thema Staatskunde wird in einer Klammerbemerkung abgehandelt. Dies ist für die jungfreisinnigen unbegreiflich.
Das Thema „Staatskunde“ gehört zu einer Fächergruppe mit dem wohlklingenden und abgehobenen Titel „Räume, Zeiten, Gesellschaften“. Diese Fächergruppe wiederum ist dem Bereich „Geschichte“ zugeordnet. Als Klammerbemerkung erhält der Staatskundeunterricht allerdings superprovisorischen Charakter. Daher ist kaum damit zu rechnen, dass Staatskundeunterricht tatsächlich in jedem Kanton in den Lehrplan aufgenommen und unterrichtet wird.
In unserem politischen System übernimmt jeder Verantwortung und besitzt diverse Möglichkeiten, politisch mitzuwirken. Nur mit dem Wissen, welches die politischen Rechte und Pflichten sind und wie unser politisches System funktioniert, können diese Chancen wahrgenommen werden.
Weshalb Staatskunde sehr nötig ist, zeigt etwa die Wahlbeteiligung, gerade bei jungen Personen. Auch das Bild der Schönheitskönigin, die das Bundeshaus nicht erkannte, ist geblieben. Ganz davon zu schweigen, dass erschreckend wenige Personen wissen, wozu der Nationalrat überhaupt gut ist oder welche Parteien im Bundesrat vertreten sind.
Es muss sichergestellt sein, dass mit jedem Ausbildungsgang das nötige Wissen vermittelt wird. Unabhängig davon, ob jemand eine Berufslehre in Angriff nimmt oder das Gymnasium besucht: Nach der Ausbildung müssen alle fähig sein, abzustimmen oder sich politisch zu engagieren. Jedem muss bewusst sein, wie unser politisches System funktioniert. Es wäre schön, wenn das Bundeshaus bei uns eine ebenso hohe Erkennungsquote hätte wie der Eiffelturm oder Mickey Mouse.
Die Politikerinnen und Politiker setzen sich vehement für die Musik-, Sport-, Kultur- und Gesundheitsförderung unserer Jugend ein. Von der Förderung der staatspolitischen Bildung, vom Wecken des Interesses an der Politik hört man hingegen aus Politkreisen wenig. Muss man erst alt werden, um in der Politik, wo die wesentlichen Weichenstellungen für unsere Gesellschaft getroffen werden, kompetent mitreden zu können? Hat man Angst vor einer ungestümen, politisch aktiven Jugend?
Miserable Wahlbeteiligung der Jungwählerinnen und Jungwähler: Versagen des staatsbürgerlichen Unterrichts!
Die kürzlich veröffentlichte Statistik über die Wahlbeteiligung der Jungwählerinnen und Jungwähler hat eine starke Unterbeteiligung dieser Alterskategorie gezeigt. Diese Tatsache hat verschiedene Gründe: Konzentration auf die Ausbildung; andere Interessenschwerpunkte wie Sport, Musik, FreundIn, Gründung einer Familie; mangelnde Erfahrung und Einsicht in das politische Geschehen. Offenbar hat auch der staatsbürgerliche Unterricht an den Schulen die politische Beteiligung der Jungen nicht zu heben vermocht.
Was wird doch alles für Wissensballast in die Schülerinnen und Schüler getrichtert, zu dem im späteren Leben kein Bezug mehr hergestellt wird. Vom politischen Geschehen ist aber jedermann und jede Frau vielfach unmittelbar betroffen; hier sollten möglichst viele möglichst kompetent mitentscheiden. Der heutige staatsbürgerliche Unterricht beschränkt sich aber oft nur auf die Vermittlung von trockener Materie in Form von Institutionskenntnis und Funktionsabläufe; so kann kein Engagement für unsere Staatsform wachsen. Es gilt, die politische Auseinandersetzung an Fallbeispielen zu erklären und die Schülerinnen und Schüler im politischen Werten zu üben. Diese Aufgabe kann für die Lehrenden natürlich heikel werden, da bei politischen Themen immer Einmischung der Eltern und/oder der Schulaufsicht droht. Die Zuweisung dieser Bildungsaufgabe an die Eltern ist aber eine Ausrede, da sich ja viele Eltern auch nicht politisch engagieren. Die politische Urteilsbildung muss in unseren Schulen endlich so unterrichtet werden, dass das Engagement der Jungen wieder spürbar wird. Das sind wir unserer Demokratie schuldig.
Da in der Schweiz im Durchschnitt nur 45% der Stimmberechtigten abstimmen, ist es naheliegend, dass die Parteien mit einfachen, eingängigen Argumenten versuchen, einen Teil der Stimmabstinenten, die sich meist nur am Rande oder punktuell für politische Anliegen interessieren, für ihre Standpunkte zu gewinnen. So betrug zum Beispiel die Stimmbeteiligung bei der Minarett-Abstimmung überdurchschnittliche 54%. Mit der Emotionalisierung eines Themas lassen sich neue Partei-Anhänger und Abstimmende gewinnen. Nur mit der politischen Bildung der breiten Bevölkerung (Staatskunde-Unterricht), die zu einer insgesamt höheren politischen Beteiligung führen sollte, lassen sich in Zukunft überraschende Abstimmungsergebnisse vermeiden. Oder brauchen wir etwa wieder den Stimmzwang?
An meinem Gymnasium (Bern-Neufeld) wurde auch Staatskundeunterricht gelehrt. Als es darum ging, Kumulieren und Panaschieren zu diskutieren, hat der Lehrer natürlich ganz zufällig die SP-Frauenliste verwendet. Das war nicht der einzige Beitrag im roten Werbefenster. Ich bin deshalb gegenüber staatlichem Staatskundeunterricht ein wenig kritisch eingestellt. In erster Linie ist das eine Aufgabe der Eltern, die Schule soll nur subsidiär ergänzen. Auf alle Fälle müssen hier die Eltern die Möglichkeit haben mitzugestalten.
Ich finde es sehr wichtig, dass Staatskunde einen Platz im Unterricht erhält. An meinem vorherigen Gymnasium (Deutsches Gymnasium Biel) hatten wir Staatskundeunterricht. Ich weiss jedoch von genug anderen Gymnasien, dass dies dort keinen Platz findet. Und in der Berufsschule ist der Staatskundeunterricht wohl ebenfalls inexistent. Wer nie lernt, wie unser Staat funktioniert, wird sich auch nicht für unsere Politik interessieren. Die Staatskunde senkt erfahrungsgemäss die Hemmschwelle, sich mit Politik zu befassen, erheblich. Insbesondere, wenn man den Auftrag erhält, doch einmal mit Smartvote herauszufinden, wo man politisch steht (das gab für so einige in meiner Klasse eine Überraschung).
Vielen Dank für die zahlreichen Kommentare - ich freue mich natürlich über die Zustimmung! @Roman Tschupp: die Themen, die Jugendliche beschäftigen, werden durchaus von Jung- und Altparteien bearbeitet. Sie werden teilweise auch von Jugendlichen diskutiert, etwa an der Jugendsession oder weiteren Veranstaltungen, die oft von Vereinen und Jungparteien für die interessierten Jugendlichen durchgeführt werden. Erschreckend ist allerdings, dass vielen nicht bewusst ist, wie unser System funktioniert und was für Möglichkeiten es bietet. Ganz davon zu schweigen, dass viele bei uns nicht einmal die Bundesratsmitglieder oder -Parteien nennen können. Das Ziel ist ja nicht, dass danke dem Staatskundeunterricht jeder Jugendliche die eigene Volksinitiative in Angriff nimmt. Aber wenn Anliegen bestehen, gibt es auch viele kantonale und kommunale Möglichkeiten der politischen Intervention, die oft zu wenig bekannt sind. Zudem wäre es auch wichtig, das System zu verstehen, um etwa Zeitungsartikel, wie sie Herr Meier kritisiert, verstehen und einordnen zu können. Sonst fallen die meisten Zeitungsleser nämlich genau auf die unsauber recherchierten und oberflächlichen Berichte rein. Momentan ist es einfach zu stark lehrerabhängig, ob bei den Schülern das politische Interesse geweckt und das Verständnis gestärkt wird. Ich bin überzeugt, dass hier mit vergleichsweise wenig Aufwand eine grosse Wirkung erzielbar wäre.
Ob Staatskunde Schulfach ist spielt keine Rolle. Wer sich nicht für Politik interessiert, bei dem nützt auch der beste Staatskundeunterricht nichts. Ich kann jeden verstehen der sich von der Politik abwendet. Die politischen Diskussionen am Fernsehen bewegen sich nur noch auf tiefstem Niveau. Oft hätten Nichtpolitiker Ehrverletzungs- oder Verleumdungsklage, für da gesagte am Hals. Viele die ich kenne wieder das nur noch an. In den Zeitungen geht dann das Spiel dann weiter. Kaum irgendeine vernünftiger Artikel. Recherche ist ein Fremdwort, da wird nur noch 1 zu 1 übernommen was aus Parteizentralen oder Behörden herausgelassen wird. Leider ist das Publikum nicht ganz unschuldig, wichtige Themen werden kaum kommentiert, aber bei Nebenschauplätzen wecken das Interesse.
Dieser Eintrag scheint mir typisch für die derzeit gepflegte Erwartungshaltung gegenüber den Jugendlichen. Aus der Tatsache, dass sich viele Jugendliche nicht für Politik engagieren, wird rasch geschlossen, dass sie keine Ahnung haben. Aus der erschreckend tiefen Stimmbeteiligung unter jungen Personen folgt vorschnell der Schrei nach mehr Staatskundeunterricht. Nur: Weder den grossen nationalen Parteien noch den Jungparteien gelingt es, diejenigen Themen anzugehen, welche die Jugend wirklich beschäftigen. Statt Probleme anzupacken und zu lösen diskutieren wir über Staatskundeunterricht und erwarten von den Jugendlichen, dass sie dies auch noch toll finden und mitdiskutieren. Diese aber haben längst begriffen wie Politik funktioniert, lassen sich von solchen Scharaden nicht beeindrucken und warten seelenruhig auf Taten statt Worte. Ich glaube: Bevor die Jugendlichen etwas für die Politik tun, sollte die Politik damit beginnen, etwas für die Jugendlichen zu tun. - Staatskundeunterricht ist Symptombekämpfung.
Ich bin auch der Meinung, dass Staatskunde eine wichtige Komponente in der Ausbilung ist. Trotzdem bin ich vorsichtig mit Aussagen, die fordern, dass dies und das auch noch in der Schule gelernt werden muss. Jede zusätzliche Stunde in einem Fach muss bei einem anderen eingespart werden. Mathematik und Problemlösungskompetenz, Deutsch, Englisch, Französisch und Geschichte sind sicher wichtiger als Staatskunde. Was nützt es zu wissen, dass es ein Petitionsrecht gibt, wenn man aus den Fehler der Vergangenheit nicht gelernt hat (Geschichte), die Petion nicht sauber formulieren kann (Sprachen) oder bei einfachsten Aufgaben im Job überfordert ist (Problemlösungskompetenz)? Eine super Ausbildung in diesen Kernfächern ist die erste Priorität. Wenn dann noch Zeit bleibt, so meine persönliche Meinung, kann man darüber diskutieren, wie man diese auf die restlichen Fächer verteilt.
bin absolut Ihrer Meinung, nur sollte sich der Lehrstoff derart gestalten, dass man sich nicht wie in diesem Link fühlt; damit wèrde man nur das Gegenteil einer Motivation erreichen. http://www.ch.ch/ebuku/index.html?lang=de
Sie haben vollkommen recht - das einzige was viele wissen ist die Pflicht der Steuern - was die Rechte sind, ist vielen unbekannt.
Darum bin ich der Übereugung, dass die Staatskunde (nicht Geschichte) viel mehr als bisher im Unterricht verankert sein muss.
Es ist erschreckend, wenn "gestandene" Schweizer keine Ahnung von einem Petitionsrecht haben.
Nach meiner Ansicht sollte auch mehr von politischen Rechten statt von Pflichten geredet werden, da viele Menschen mit Pflichten mühe haben. Dabei sind es meistens politische Rechte - wir haben das Recht an Abstimmungen teilzuunehmen, wir haben das Recht Unterschriften zu sammeln, wir haben das Recht zu wählen, wir haben das Recht eine Petition einzureichen usw. - also alles Rechte welche gepflegt werden sollten, sonst gehen sie uns verloren!
Ich pflichte Ihnen selbstverständlich zu 100 Prozent bei. Das Gleiche gilt auch für Ökonomie und etwas Rechtskunde. Allerdings muss die Befähigung und nicht die Indoktrination im Vordergrund stehen.
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