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Das Wirtschaftswachstum

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Wenn in den Medien von Wirtschaftswachstum gesprochen wird, dann bezieht sich dies meist auf die Steigerung des Bruttoinlandprodukts (BIP). Das BIP ist eine gängige Grösse zur Messung der Wirtschaftsleistung eines Landes, während das pro Kopf BIP den durchschnittlichen Wohlstand der einzelnen Einwohner misst. Wir sprechen hier, wenn nichts anderes explizit steht, immer vom gesamten BIP. Das BIP erfasst aber nicht alle Dinge, die Wohlstand oder Lebensqualität definieren. Bspw. müssen Umweltverschmutzungen, eine ungleiche Einkommensverteilung oder schlechte Arbeitsbedingungen separat betrachtet werden. Sie werden nicht vom BIP erfasst. Dennoch ist das BIP das häufigst verwendete Modell zur Messung der Wirtschaftsleistung.

Das Wirtschaftswachstum wird durch das Wachstum des BIPs zum Vorjahr repräsentiert. Abb. 1 zeigt das Wirtschaftswachstum einzelner Länder seit 1995. In diesem Zeitraum wuchs bspw. das BIP der USA um ca. 50% auf das 1.5-fache des Wertes von 1995.

Ziel dieses Textes ist es, das Wirtschaftswachstum zu erklären und aufzuzeigen, wie es entsteht. Der erste Teil des Textes beschreibt die Entstehung und die Einflussfaktoren des BIPs und der zweite Teil erläutert, wie das BIP wachsen kann.



Abb. 1: Vergleich BIP Wachstum

Das Bruttoinlandprodukt

Das BIP misst den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Land innerhalb eines Jahres für den Endverbraucher hergestellt werden. Es geht darum, festzuhalten, wie viel ein Land insgesamt produziert. Zwischenprodukte (z.B. Motor und Schrauben beim Auto) werden im BIP nicht mitgezählt, da sie im Preis des Autos enthalten sind. Zudem zählen nur Neuprodukte dazu, denn bspw. ein Gebrauchtwagen wurde bereits beim Neuverkauf zum BIP des damaligen Jahres gezählt. Zuletzt zählen auch zu Hause produzierte Güter und Dienstleistungen (z.B. Rasenmähen) sowie Schwarzarbeit nicht zum BIP, da sie nicht in den Markt gelangen.

Das BIP muss von BSP unterschieden werden. Während das BIP alle produzierten Waren und Dienstleistungen aller Einwohner innerhalb eines Landes pro Jahr erfasst, misst das Bruttosozialprodukt (BSP) im Gegenzug alle produzierten Produkte aller Staatsbürger eines Landes, unabhängig von deren Wohnort. So zählen bspw. Produkte von Schweizern, die in Amerika produziert wurden zum Schweizer BSP und gleichzeitig zum Amerikanischen BIP, da sie innerhalb der USA von Schweizern produziert wurden. In der Schweiz von einer ausländischen Firma produzierte Produkte zählen zwar zum Schweizer BIP, nicht aber zum Schweizer BSP. Spricht man von Wirtschaftswachstum, bezieht sich dies in den meisten Fällen jedoch auf das Wachstum des BIP.

Das BIP wird gewöhnlich in vier Komponenten aufgeteilt: Konsum (K), Investitionen (I), Staatsausgaben (S) und Nettoexporte (NX), weshalb BIP=K+I+S+NX gilt. Zum Konsum gehören Produkte, welche die Haushalte kaufen, wie bspw. Reisen, Nahrung, Waschmaschinen, Schuhe etc. Investitionen sind Anschaffungen, die nicht konsumiert werden, sondern zur Produktion von Produkten in späteren Perioden dienen, wie bspw. Förderbänder, Traktoren, Werkzeuge etc. Die Staatsausgaben beinhalten alle Ausgaben, die Bund, Kantone und Gemeinden tätigen (z.B. Strassenbau oder Schulen). Nettoexporte sind alle Exporte abzüglich der Importe. Was die Schweiz exportiert, hat sie selber produziert und somit zählt es zum BIP. Was die Schweiz importiert, gehört zum BIP eines anderen Landes, weshalb es vom Schweizer BIP wieder abgezogen werden muss. Summiert ergeben diese Bestandteile das, was innerhalb der Schweiz innert eines Jahres hergestellt resp. verbraucht wurde. Denn alles was jemand produziert, wird von jemand anderem verbraucht. Entweder werden Produkte konsumiert, vom Staat verwendet, exportiert oder investiert. Deswegen entspricht das BIP sowohl allen produzierten als auch allen verwendeten Gütern und Dienstleistungen innerhalb eines Landes.

Doch wie kommt nun BIP Wachstum zustande? Dafür müssen wir Wachstum und dessen Herkunft definieren. Wachstum bedeutet, dass in einer Periode mehr hergestellt wurde als in der vorangehenden. Aber wovon hängt wiederum die Herstellung ab?

Entstehung des BIP

Vorher haben wir gesehen, aus welchen vier Komponenten das BIP besteht. Das gesamte BIP zeigt, wie viele Tische, Autos, Waschmaschinen, Strassen, Schuhe, etc. ein Land in einem Zeitabschnitt produzieren konnte.

Je mehr Tische, Schuhe etc. pro Tag hergestellt werden können und je mehr Tage der Schreiner (und alle anderen Arbeitskräfte der Wirtschaft) arbeitet, desto mehr Tische (und alle anderen Produkte) fliessen ins jährliche BIP ein.

BIP Inputs

Um jedoch Produkte und Dienstleistungen herzustellen, benötigt man sogenannte ‚Inputs’. Inputs um einen Tisch zu bauen, sind bspw. Holz, eine Säge um das Holz zu schneiden, Werkzeuge, das Wissen, wie man einen Tisch baut und Arbeitszeit, um den Tisch tatsächlich zu bauen. Diese Inputs werden in Produktivität, Arbeitseinsatz und Realkapital eingeteilt und sind in Abbildung 2 grafisch dargestellt.

Produktivität

Die Produktivität ist der Massstab, wie viele Tische der Schreiner pro Zeiteinheit herstellen kann. Dabei stellt sich die nächste Frage: Wovon hängt meine Produktivität ab? Die gesamte Produktivität einer Wirtschaft hängt von verschiedenen Fak-toren ab. Zum einen gibt es das sogenannte Humankapital. Es beinhaltet das Wissen und die Fähigkeiten, die Arbeitskräfte brauchen, um ihre Arbeit zu tätigen. Arbeitskräfte können dieses Wissen in Berufslehren, Schulen, Universitäten etc. erwerben. Zum anderen bestimmt das technologische Wissen einer Wirtschaft ihre Produktivität. Ein gutes Beispiel ist die Erfindung der Dampfmaschine im 18. Jhd., welche die Produktion vieler Produkte vereinfachte und beschleunigte.

Ein dritter Einflussfaktor auf die Produktivität sind natürliche Ressourcen. Beispiele dafür sind Holz, Kohle, Erdöl, Wasser, fruchtbarer Boden etc. Nicht jedes Land verfügt über die gleichen Ressourcen. Je mehr wertvolle Ressourcen ein Land hat, desto besser und effizienter kann es Güter produzieren. Diese Bestandteile der Produktivität werden auf der rechten Seite von Abbildung 2 veranschaulicht.

Arbeitseinsatz

Der Arbeitseinsatz bestimmt, wie lange der Schreiner täglich Tische herstellt. Je länger er arbeitet, desto mehr stellt er her. Nebst Produktivität und Arbeitseinsatz wird das BIP aber noch durch den folgenden dritten Faktor bestimmt.

Realkapital

Das Realkapital bezeichnet die Menge an Gütern, die nicht konsumiert wurde und stattdessen jetzt zur Herstel-lung neuer Produkte dient. Beispiele dafür sind Werkzeuge, Maschinen oder auch Schrauben. Anders formuliert ist das diesjährige Realkapital das Realkapital des Vorjahres plus die Investitionen des Vorjahres. Dies kann an einem Beispiel verdeutlicht werden. Die Werkzeuge des Schreiners wurden ev. bereits im vergangenen Jahr vom Schlosser hergestellt. Diese Herstellung war Teil des damaligen BIP. Sie war dabei Teil der Investitionen und wurde deshalb nicht konsumiert. Nun erhöhen die letztjährigen Investitionen das diesjährige Realkapital. Letzteres wiederum dient als Input für das diesjährige BIP. Im Gegensatz zum Konsum tragen Investitionen demnach zur Güterherstellung in der nächsten Periode bei. Konsum hingegen ist die schlussendliche Verwendung der geleisteten Güterherstellung. In Abbildung 2 befinden sich die Bestandteile des Realkapitals auf der linken Seite.



Abb. 2: Einflussfaktoren auf das BIP

BIP Wachstum

Wie entsteht nun Wirtschaftswachstum? Die Antwort liegt in den Einflussfaktoren des BIP.

Kann eine Volkswirtschaft einen der drei Haupteinflussfaktoren Arbeitseinsatz, Realkapital und Produktivität erhöhen ohne dass ein anderer sinkt, wird das BIP im darauffolgenden Jahr höher ausfallen. Gehen wir dazu etwas ins Detail.

Arbeitseinsatz

Erhöhter Arbeitseinsatz verändert das BIP nur, wenn jede arbeitende Person einen grösseren Anteil ihrer Gesamtzeit (24h/Tag) der Arbeit widmet. Nimmt hingegen einfach die Bevölkerung zu, gibt es zwar mehr Arbeitskräfte, die zusammen mehr Tische und somit mehr BIP herstellen können, jedoch bleibt das oben erwähnte pro Kopf BIP unverändert. Dies, weil das höhere BIP durch mehr Personen geteilt werden muss. Das heisst der Wohlstand pro Person, den wir hier mit dem pro Kopf BIP definieren, bleibt unverändert. Nur wenn bei gleicher Anzahl Arbeitskräfte jede Arbeitskraft mehr arbeitet, kann das pro Kopf BIP gesteigert werden. Aber auch der einzelne Arbeiter kann irgendwann nicht mehr als theoretisch 24 Stunden pro Tag arbeiten. Uns verbleibt aber eine weitere Möglichkeit zum Wirtschaftswachstum.

Ersparnisse

Die Veränderung des Realkapitals des diesjährigen Realkapitals zum Vorjahr entspricht wie erwähnt den Investitionen des Vorjahres. Wie können wir das Realkapital im nächsten Jahr erhöhen? Durch zusätzliche Investitionen in diesem Jahr. Unserer Definition vom Beginn zufolge sind Investitionen = BIP-K-S-NX. Betrachtet man zur Vereinfachung eine Wirtschaft ohne Importe und Exporte, entsprechen die Investitionen dem BIP abzüglich den Konsum- und Staatsausgaben. Also I = BIP-K-S. Diese Formel wiederum wird als nationales Sparen bezeichnet. Das „I“ in der Formel beziffert das, was vom BIP nach allen nötigen Ausgaben (den Konsum- und Staatsausgaben) übrig bleibt. Darum gilt: Investieren (I) = nationales Sparen. Um das nächstjährige Realkapital nun zu erhöhen, muss die Nation (Staat und Private) mehr sparen. Dies bedeutet, weniger zu konsumieren und weniger Staatsausgaben zu tätigen. Man ersetzt damit einen Teil des Konsums (K) und der Staatsausgaben (S) mit Investitionen (I). Dies macht Sinn: Sparen die Leute mehr, steigt ihr Bankkonto und die Unternehmen können einfacher und günstiger Kredite aufnehmen um sich bspw. Werkzeuge oder Maschinen anzuschaffen (vgl. den Text zum Wirtschaftskreislauf). Den Unternehmen fällt es leichter Dinge zu kaufen, die sie benötigen um im nächsten Jahr mehr zu produzieren. Wie bereits vorhin erwähnt sind Investitionen somit zukünftigem Wirtschaftswachstum förderlich, währenddessen Konsum dies nicht ist. Jedoch kann man nicht mehr als theoretisch 100% des Einkommens sparen. Endet an diesem Punkt das Wirtschaftswachstum? Nein, uns bleibt eine weitere Möglichkeit.

Forschung und Entwicklung

Auch Produktivitätssteigerungen ermöglichen Wirtschaftswachstum. Und wie lässt sich die Produktivität steigern? Zum einen kann darauf geachtet werden, die natürlichen Ressourcen für zukünftige Generationen zu erhalten (z.B. Gewässerschutz und Waldaufforstung), um das langfristige Wirtschaftswachstum sicherzustellen. Spätere Generationen haben dann immer noch genügend Ressourcen, die ihnen ermöglichen, ein hohes BIP zu erzeugen. Zum anderen kann der Staat in Humankapital investieren und so das Wissen und die Fähigkeiten der Arbeiter fördern. Dies geschieht oftmals mit guten Schul-, Ausbildungs- und Universitätssystemen. Letztlich fördern auch neue Technologien die Produktivität. Staatliche oder private Forschung und Entwicklung arbeiten täglich daran, neue Theorien, Ideen, Prozesse und Technologien zu entwickeln, um später in der Lage zu sein, Dinge noch effizienter herzustellen. Da immer neue Technologien erfunden werden und die Menschen immer besser ausgebildet werden können, sind die Produktivität und damit das Wirtschaftswachstum theoretisch unbegrenzt. Dies ermöglichet es einer Wirtschaft mit den gleichen Inputs jedes Jahr mehr Outputs herzustellen. Und genau das ist es, was Wirtschaftswachstum ausmacht: mehr Output zu produzieren als im Vorjahr.


Literaturverzeichnis [ ein-/ausblenden ]


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Profi-Wissen

Reales und no­mi­na­les Wachstum

Wie im Text be­schrie­ben, ist das BIP Wachs­tum An­stieg des Ge­samt­werts/­prei­ses der her­ge­stell­ten Pro­dukte in einem Land. Das BIP misst da­bei, wie oben de­fi­niert, den Wert aller pro­du­zier­ten Güter und Dienst­leis­tun­gen. Stei­gen die Preise im Schnitt bspw. 3% in einem Jahr an, wäh­rend genau gleich viele Güter her­ge­stellt wur­den, so steigt das BIP, ob­wohl genau gleich viele Güter pro­du­ziert wur­den, da der Ge­samt­wert des BIPs wie folgt be­rech­net wird:

Gesamtwert des BIP = Preise x An­zahl Produkte

Man weiss also nie, ob das Wachs­tum auf die Preise oder auf eine Stei­ge­rung der Her­stel­lung von Gü­tern zu­rück­zu­füh­ren ist. Um dies zu be­he­ben, misst das reale BIP - im Ge­gen­satz zum no­mi­na­len BIP - die Leis­tung der Wirt­schaft an kon­stan­ten Prei­sen und lässt so eine all­fäl­lige In­fla­tion oder De­fla­tion weg. Das reale BIP Wachs­tum zeigt wie sich die Her­stel­lung der Güter ver­än­dert hat - ohne Be­rück­sich­ti­gung der Preise.

Kommentare von Lesern zum Artikel

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0%
(1 Stimme)
Dieter E.U. Lohmann sagte October 2012

Zur Grafik "Vergleich BIP Wachstum":

Der Vergleich mit der Eurozone ist so nicht korrekt dargestellt. Die Eurozone beginnt 2000 richtigerweise auf einem Wert von 1,0. Zu diesem Zeitpunkt weisen aber die USA schon einen Wert von 1,25 auf und die Schweiz einen von über 1,1.

Damit ein wirklicher Vergleich möglich wäre müsste man für das Jahr 2000 alle Kurven auf den Wert 1,0 justieren. Dann würde man auch erkennen, dass die Eurozone mit Abstand das höchste Wachstum aufweist!

Grob in Zahlen:

Wirtschaft​swachstum seit 2000:

Eurozone: ca. 45%
USA: ca. 20%
Schweiz: ca. 20%
Japan: ca. 10%


Es wird überdeutlich, dass die Eurozone seit 2000 das wesentlich höhere Wachstum aufweist als die USA, Japan und die Schweiz!


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