In weiten Teilen der Schweizer Bevölkerung herrscht ein diffuser Unmut über alles, was mit Asylwesen, Migration und Einwanderung zu tun hat. «Die Asylverfahren sind kafkaesk», bilanzierte der Migrationsexperte Thomas Kessler kürzlich im Tages-Anzeiger. «Wenn die 90% der Asylsuchenden, die im Sinne unseres Asylgesetzes keine Flüchtlinge sind, trotzdem durchschnittlich 1411 Tage bei uns bleiben, ist das eine Belastung für alle», hielt Kessler fest. Selbst wenn die Prozentzahl mit Vorsicht zu geniessen ist, muss dem Experten grundsätzlich Recht gegeben werden: eine lange Verfahrensdauer belastet insbesondere auch Asylsuchende. In einem Land, das sie nicht kennen und in einer Gesellschaft, mit deren Normen sie meist nicht vertraut sind, sind sie zum Warten verurteilt – und kommen unter Umständen auf «dumme Gedanken», während «echte» Flüchtlinge irgendwo auf der Welt um ihr Überleben kämpfen.
Angesichts dieser niederschmetternden Analyse darf sich niemand wundern, dass die Asylpolitik wie eine heisse Kartoffel herumgereicht wird, weil kein politischer Verantwortungsträger etwas damit zu tun haben will aus Angst, dabei nur verlieren zu können. Dies umso mehr, als die beiden letzten Magistraten, welche dem Bundesamt für Migration vorstanden, vor allem durch Fehlleistungen in Erinnerung bleiben; der eine durch kurzsichtige Sparmassnahmen und dadurch, dass er Asylanträge durch Nichtbehandlung kalt entsorgte, die andere durch eine gescheiterte Umstrukturierung der zuständigen Ämter, so dass die aktuelle SP-Bundesrätin die Suppe auslöffeln muss.
Bei der Klage über Missstände sollten allerdings einige Fakten nicht ausser Acht gelassen werden. Zum einen hat es Migration – in welcher Form auch immer – zu allen Zeiten wellenartig gegeben. In der Ausprägung, wie sie die westeuropäischen Staaten zur Zeit erleben, ist Migration die Kehrseite der Medaille namens fortschreitende Globalisierung, von der westliche Volkswirtschaften in nicht unerheblichem Masse profitieren. Im weiteren ist Migration meist auch Ausdruck einer – menschlich legitimen – Suche nach einem besseren Leben – egal, ob es sich um «echte» oder «unechte» Flüchtlinge handelt. Der Migrationsdruck auf die wohlhabenden Länder ist letztlich ein Indikator für das Gefälle zwischen reich und arm. Insofern ist unser auf Ausbeutung ausgelegtes Wirtschaftssystem mitverantwortlich für die angebliche Asylmisere.
Um die Lage an der Migrationsfront zu entspannen, ist es deshalb unumgänglich, die Asylverfahren deutlich zu straffen, wofür kurzfristig u. a. massiv mehr Personal benötigt wird. Dazu braucht die Schweiz eine aktivere Aussenpolitik, die mit Herkunftsländern Abkommen anstrebt, welche an Bedingungen, aber auch an Unterstützung vor Ort geknüpft werden. Die Grünen stehen ein für eine liberale Migrationspolitik und für Solidarität. Ein Asylwesen in der Krise darf keinesfalls dafür missbraucht werden, «Ausländer» generell vorzuverurteilen, auszugrenzen oder ihnen aus fadenscheinigen Gründen die Einbürgerung zu verwehren.
Josef Brägger
Kantonsrat Grüne
Amriswil



33%

