Tatort Wettingen. Ein Mann (Ali) erschiesst seine Ex-Partnerin (Melek) und anschliessend sich selbst. Ein Beziehungsdrama?
Melek verliess den bereits dreifach geschiedenen Ali vor einem halben Jahr. Der Terror begann. Verfolgungen, SMS, Stalking waren Alltag. Mehrmals kontaktiere sie die Polizei wegen häuslicher Gewalt und Drohungen. Der Täter mag eher düstere Zukunftsperspektiven gehabt haben, beruflich und privat und war sicher, wie wir alle, durch seine Lebensgeschichte geprägt. Doch dies rechtfertigt seine Tat in keiner Art und Weise! Doch, liebe Leserin, lieber Leser, was muss in einem Menschen vorgehen, dass er zu einem Mord fähig wird? Diese Frage habe ich mir erschüttert gestellt, als ich per Zufall in Wettingen, meinem Wohnort, an den Tatort heranlief. Denn, es ist unmöglich, dass wir alle Gefahrenpotentiale unserer Mitbürger/-innen kennen und entsprechend für alles und jede/n Vorsichtsmassnahmen einleiten können. Ich glaube, in Menschen, welche zu solchen Taten fähig sind, sind tiefe Verletzungen, Kälte und Schnitte in der Seele vorhanden, welche auf den ersten Blick irreparabel sind. Treffen diese Personen auf andere Menschen, welche ihnen nahe kommen und dadurch Emotionen (Liebe) auslösen, können solche negativen Seiten leider aufbrechen und an die Oberfläche treten, auch wenn sie im Alltag als sympathisch, freundlich und zuvorkommend bezeichnet werden. Die Beherrschung selbst bleibt auf der Strecke. Oder ist die Beherrschung der Situation eben die Vernichtung?
Was trägt alles dazu bei, dass wir so weit kommen können, wegen einer Trennung einen einmal geliebten Menschen umzubringen? Ist es Einsamkeit? Eifersucht? Verlieren? Versagen, in unserer Gesellschaft, in welcher nur der Glanz eines Menschen Beachtung findet? Sind Männer mit Migrationshintergrund besonders gefährdet für solche Taten ? Besonders wenn sie weder wirtschaftlich noch in der Liebe ihren Mann stehen? Oder hat es eher mit unserer patriarchalen Gesellschaft zu tun, die erfolglose Männer speziell unmännlich und verachtenswert findet?
Betrachten wir die Seite des Opfers. Melek, die erfolgreiche Geschäftsfrau, hatte ein gutes Gespür für die Gewalttaten ihres noch Ehemannes, sie hat richtigerweise auch Anzeige bei der Polizei erstattet. Es ist doch wahnsinnig und sehr unverständlich, dass trotz aller Vorsichtsmassnahmen ein Mord möglich wird. Wie müssen sich all die Frauen fühlen (und natürlich auch Männer), welche bedroht werden, mit einer Angst leben und sich verstecken müssen? Genügt unser Polizei- und Anzeigesystem oder braucht es weitere Massnahmen? Die Opfer (und oft ihre mitbetroffenen Kinder) kommen nicht zur Ruhe.
Auf persönlicher Ebene wünsche ich mir, dass wir (wieder) lernen, mit Konflikten umzugehen. Wir dürfen nicht zu stolz sein, beispielsweise psychiatrische, Mediation oder sonstige Beratungen als Unterstützung zu holen um uns weiterzuentwickeln und mit schwierigen Situationen umgehen zu lernen, auch wenn diese nur schwer auszuhalten sind und kaum verändert werden können. Als mögliches Opfer müssen wir jegliche Vorsichtsmassnahme beachten auch im Wissen darum, dass uns trotzdem etwas passieren kann.
Es gibt aber auch noch die politische Ebene, an welche ich Forderungen stelle möchte. Als erstes muss es künftig eine Lösung geben, dass besonders gefährdete Personen sich sicherer fühlen können. Dies kann beispielsweise damit erreicht werden, dass sich mögliche Täter/-innen den Opfern bis auf eine gewisse Distanz nicht mehr nähern dürfen oder können. Dann möchte ich einen Vorschlag eines Strafrechtsprofessors aufgreifen, welcher sagt, dass bei Drohungen und häuslicher Gewalt Hausdurchsuchungen angeordnet werden sollen. Dabei soll ein spezielles Augenmerk auf Waffen gerichtet werden. Die Abgabe der Armeewaffe zur Aufbewahrung ausser Hauses ist bereits eine alte Forderung.
In den Kantonen braucht es niederschwellige Angebote für gewalttätige Personen und für Opfer. Diese Angebote müssen auch für Fremdsprachige zugänglich sein. Es ist erwiesen, dass Erwachsene, welche als Kinder bereits von Gewalt (mit)betroffen waren, tendenziell wieder zu Gewalttaten neigen. Aufgrund dieser Studien ist klar, dass eine breite Kampagne gegen Gewalt lanciert werden muss. Eine auch für Kinder verständliche Kampagne! Bereits seit einiger Zeit, fordere ich vom Bundesrat Lösungen für von häuslicher Gewalt mitbetroffene Kinder. Es geht leider nur schleppend voran. Des Weiteren müssen bereits vorhandene gut funktionierende Angebote (wie Femmes Tische für Migrantinnen) zur Prävention, für den Opferschutz und für Aufklärungsarbeit genutzt werden, d.h. es braucht dafür Schulungsmaterial und finanzielle Ressourcen. Nur wenn wir auf allen Ebenen aktiv werden (privat, politisch, gesetzlich, finanziell) können solche Taten verhindert werden. Taten, die keine Einzelfälle sind, denn zwischen 2000 und 2004 starben durchschnittlich 25 Frauen und 10 Männer pro Jahr wegen häuslicher Gewalt.
Die Medien reden verniedlichend von einem Beziehungsdrama – für mich jedoch ist klar: wir sprechen von Mord.



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