Vorweg: Ich rauche seit 25 Jahren. Ich bin nicht stolz darauf. Ich weiss, dass es ungesund ist, dass es stinkt und dass es meine Mitmenschen stören kann. Noch weniger stolz bin auf die bisher misslungenen Versuche, diese Sucht zu überwinden, obschon die Argumente meiner Töchter und meines Hausarztes nicht zu widerlegen sind. - Ja, ich bin ein Mensch mit Schwächen: Ich rauche, meine Ernährung ist nicht immer optimal, mein Kaffeekonsum ist gigantisch, manchmal wünschte ich mir eine Stunde mehr Schlaf und etwas mehr Sport verträgt es sowieso immer.
Als ich zu rauchen begann, durfte praktisch überall geraucht werden. In Flugzeugen, im Zug, am Arbeitsplatz, in den Restaurants. Nach der Lehre verschlug es mich nach Zürich, wo ich in einem Grossraumbüro mit rund 30 Kolleginnen und Kollegen zusammen arbeitete. Rund 20 davon rauchten am Arbeitsplatz – diskussionslos, hemmungslos. Beim Mittagessen zündete man sich die Zigarette an, ohne darauf zu achten, ob der Tischnachbar gerade den Salat serviert bekam oder noch in den restlichen Pommes Frites herumstocherte.
Diese Zeiten sind vorbei, und das ist gut so! Der gesellschaftliche Druck auf die rauchende Minderheit ist gestiegen; und die Mehrheit der Raucherinnen und Raucher verhält sich heute wesentlich anders als früher. Selbst in einem Gartenrestaurant schiele ich heute auf beide Seiten, um niemanden mit meinem Qualm unnötig zu ärgern.
Dennoch lässt es das Verständnis unserer liberalen Gesellschaft nach wie vor zu, dass ich meine Schwächen haben darf. Niemand bremst mich, wenn ich ein drittes Bier bestelle, nochmals einen Kaffee trinke und dazu wieder Schokolade esse. Ich darf weiterhin Cervelats, Salsiz, Käse und Weissbrot im Rucksack haben und muss mich nicht per Gesetz auf Früchte und Riegel beschränken. Ich mag übrigens Früchte und Riegel...
Unsere liberale Gesellschaft will, dass ich beim Besuch eines Speiserestaurants meine Zigarette draussen oder in einem Fumoir rauche. Kein Problem. Aber ich bin froh, dass die liberale Gesellschaft es gleichzeitig zulässt, dass ich meine Zigarette zum Feierabendbier am Stammtisch rauchen darf. Die anderen Gäste stört es nicht, denn sie kommen bewusst in die gleiche Beiz, obschon rauchfreie Alternativen vorhanden wären.
Die Volksinitiative „Schutz vor Passivrauchen“ wurde eingereicht, als die Tinte des geltenden Gesetzes kaum trocken war. Und im Juni 2012 wurde bereits eine weitere Initiative lanciert, welche das Rauchen unter freiem Himmel verbieten möchte. - Es geht letztlich um einen zwanghaften Drang, die Gesellschaft zu einer Veränderung zu zwingen. Diejenige Gesellschaft, die ihr Verständnis gegenüber den Raucherinnen und Rauchern tatsächlich über die letzten Jahre und Jahrzehnte verändert hat. Aber so, wie sich gesellschaftliche Fragen eben entwickeln, nämlich über die Zeit und ohne Zwängerei. Deshalb ist der Eingriffsversuch in unsere liberale Gesellschaft zu verhindern und die Initiative „Schutz vor Passivrauchen“ am 23. September abzulehnen.



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