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Ich kannte Otto Stich nicht persönlich

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Ich kannte Otto Stich nicht persönlich.  Begegnet bin ich ihm zwei drei Mal in Sils Ma­ria, zu­letzt im Re­stau­rant des Ho­tels Se­raina, wo er im Säli jass­te. In dor­ti­ger Vi­trine steht seit Jah­ren der Otto Stich Wein. Vor sei­ner Wahl in den Bun­des­rat war für mich Otto Stich vor allem der Vater der Reich­tums­steu­er, die in den sieb­zi­ger Jah­ren teil­weise mehrheitsfähig war. Die Bun­des­rats­wahl vom De­zem­ber 1983 kündigte sich nicht nur für die Linke als Epo­chen­wahl an. Erst­mals sollte als Nach­fol­ge­rin des kurz zuvor ver­stor­be­nen Willy Rit­schard mit Li­lian Uch­ten­ha­gen eine Frau in den Bun­des­rat gewählt wer­den. Nach einer Schlamm­schlacht wurde statt ihr von den Bürgerlichen Otto Stich er­ko­ren, an den vor­her nie­mand dach­te. Für mich war schon da­mals klar, dass es nie um die Per­son von Li­lian Uch­ten­ha­gen ging. Auch der  Bun­des­rat­sein­zug einer Frau lag sehr wohl in der  Tem­pe­ra­tur der Zeit. Die Frei­sin­ni­gen woll­ten ganz ein­fach aus Prestigegründen ver­hin­dern, dass die erste Frau im Bun­des­rat eine So­zi­al­de­mo­kra­ti​n ist.  Ein Jahr später wurde es dann auch mit Eli­sa­beth Kopp eine freisinnige.  Otto Stich hat die Wahl angenommen.  Fran­cis Matt­hey konnte das zehn Jahre später in der berühmten „Brunner-Wahl“ nicht mehr, als dann schlus­send­lich Ruth Drey­fus Bundesrätin wur­de.  Allerdings hat Otto Stichs Wahl ein Erd­be­ben ausgelöst. Ein­mal mehr war die SP bei Bun­des­rats­wah­len vorgeführt wor­den. Als Parteipräsident Hel­muth Hu­ba­cher den Bun­des­rats­austritt​ for­der­te, ent­fachte das denn auch eine un­ge­ahnte Sym­pa­thie­wel­le, die weit über die SP hin­aus ging. So kündigte Max Frisch im Schwei­zer Fern­se­hen an, er trete der SP bei, wenn sie aus dem Bun­des­rat aus­tre­te. Der Par­tei­tag lehnte dann aber drei Mo­nate später  den Aus­tritt ab. Ich frage mich bis heu­te, ob Hu­ba­cher tatsächlich mit dem Aus­tritt rech­nete und ob  er die SP gestärkt hätte. Dass die gegen den so­zi­al­de­mo­kra­ti​­schen Wil­len gewählten Bundesräte starke Bundesräte wur­den, war vor­her schon bei Han­spe­ter Tschu­din, dem letz­ten Bas­ler Bun­des­rat, und Willy Rit­schard der Fall. Bei Otto Stich kam aber etwas an­de­res dazu:  das Unzeitgemässe. Unzeitgemäss war nämlich nicht nur seine Wahl, son­dern das war er selbst in sei­ner gan­zen Art als po­li­ti­sche Fi­gur. Er war stark, weil er im wahrs­ten Wort­sinne po­li­tisch und eigen war, und er war das krasse Ge­gen­teil  eines me­dia­len Po­li­ti­kers. Wenn er heute als bes­ter so­zi­al­de­mo­kra­ti​­scher Bun­des­rat ge­lobt wird, so er­staunt das  et­was. Denn Otto Stich stand als Geg­ner des EU Bei­tritts und der Lötschbergröhre in den neun­zi­ger Jah­ren be­stimmt nicht auf der Linie des auch lin­ken Zeit­geis­tes. Frag­los war er ein vorzüglicher lin­ker Kas­sen­wart, weil er als klas­si­scher So­zi­al­de­mo­krat immer auch die Ein­nah­meseite im Auge hat­te. Ein Typ wie Otto Stich würde heute nicht ein­mal Bun­des­rats­kan­di­d​at. Das spricht be­stimmt nicht gegen ihn.


Kommentare von Lesern zum Artikel

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67%
(18 Stimmen)
Hans P. Grimm sagte September 2012

Stich und Ritschard waren noch tolle Bundesräte. Die Heutîgen können ihnen nicht das Wasser reichen!

Diese Bundesräte hatten noch Herzblut für unser Land, im Gegensatz zu den Heutigen, den unser Land nur Peindlich ist!


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