Bildung, Forschung, August 2010

Welche Lehrperson wollen wir?

Blog von Barbara Schmid-Federer
Beitrag von Barbara Schmid-Federer CVP
Nationalrätin
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Wenn mein Gross­va­ter mit schmut­zi­gen Fingernägeln in die Schule kam, kriegte er „die Tatze“, bzw. er wurde körperlich be­straft durch einen Schlag auf die Hände.
Wer sol­chen Erzählungen zuhört, muss sich ei­gent­lich wun­dern, denn land­auf, landab wird erzählt, der Leh­rer habe sich früher noch auf die Kern­auf­ga­be, den Un­ter­richt, kon­zen­trie­ren können. Heute aber, so wird ge­sagt, müsse er oder sie ge­sell­schaft­li­che​ De­fi­zite kor­ri­gie­ren, und dies sei ein­deu­tig nicht vertretbar. 

Nun, die unsauberen Fingernägel gehören weder damals noch heute zum Kernthema einer Lehrperson. Und der Lehrer hat eben schon damals Erziehungsaufgaben wahrgenommen, nur wird dies heute oftmals vergessen.

Der grosse Unterschied zwischen damals und heute ist der, dass der Lehrer damals uneingeschränkte Autonomie im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern hatte. Wenn mein Grossvater die Tatze kriegte, so ging dies seine Eltern nichts an. Die Eltern hatten sich weder zu beschweren noch schlecht über den Lehrer zu sprechen. Vor dem Schulhaus endete die Zuständigkeit der Eltern.

Heute sind die Eltern Teil des Schulsystems. Sie reden und wirken mit. Das ist richtig. Doch daraus ergeben sich auch Nachteile. Wenn ein Junge eine Strafaufgabe schreiben muss, kommt es je länger je öfter vor, dass die Eltern sich an den Computer setzen und der Lehrerin per Mail ihre Empörung über die ungerechtfertigte Strafaufgabe Kund tun. Diese Entwicklung, das sage ich offen, gefällt mir nicht.

Elternmitwirk​ung ist wichtig. Ich unterstütze sie. Dies bedeutet aber nicht, dass Eltern auch Einfluss auf den Unterricht nehmen sollen. Deshalb wünsche ich mir Lehrerinnen und Lehrer, die sich wieder getrauen, eine gewisse Distanz zu den Eltern aufzubauen, wenn es um Fragen des Unterrichts geht.
Auf der anderen Seite wünsche ich mir auch, dass Lehrpersonen vermehrt entlastet werden: Dazu muss ihnen in erster Linie administrative Arbeit abgenommen werden. Sie müssen weniger Pflichtstunden zu leisten haben und sie müssen – eben auch – arbeiten können, ohne sich dauernd gegenüber den Eltern zu rechtfertigen. Es liegt auch an den Lehrpersonen selber, ob und wie sie sich in Sachen Unterricht von ihrer Umgebung abgrenzen. Meine Unterstützung haben sie.


   

Kommentare von Lesern zum Artikel

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75%
(4 Stimmen)
Alex Müller sagte Oktober 2010

Als ich noch in die Schule ging, und eine Sgtrafaufgabe nach hause brachte, hiess es zuhause : "Du wirst schon wissen, warum". Das hiess einfach die Arbeit zu machen. So sollte es heute noch sein. Eltern sollen sich nicht in die Pädagogik des Lehrers einmischen. Auch nicht in den erzieherischen Prozess, der in einer Schulstube stattfindet. Die Kinder müssen mit dem "Stil" des Lehrers umgehen können. Das ist eine der Sozialisierungsvorgäg​nen, um die kein Kind herumkommt. Es geht darum, dem Kind zu vermitteln, wie die Schule funktioniert. Welche Pflichten der Schüler dabei hat: (Jedes Schweizerkind hat 9 Jahre Schule zu gut. Es kann auch noch weitergehende Schulen besuchen (Gymnasium, Berufsschule, höhere Fachschulen). Es soll ausgeruht in die Schule kommen, die Aufgaben erledigt haben, zuhören, Fragen stellen, Klassenämter übernehmen).
Vergleich: Sollen Eltern sich in den Unterricht der Musikschule, des Fussballvereins, des Skiclubs oder des Jugendchors ständig einmischen? Ich galube nicht.


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64%
(11 Stimmen)
Thomas Steiner sagte August 2010

Sehr geehrte Frau Schmid-Federer

Sie​ erwähnen im letzten Abschnitt, dass den Lehrpersonen "administrative Arbeit" abgenommen werden muss. Nun, bis vor zwölf Jahren habe ich selbst als Primarlehrer unterrichtet und habe, auch deshalb, mit diesem Sammelbegriff so meine Mühe. ich möchte sehr gerne wissen, was das denn für administrative Arbeiten sind, die man den Lehrpersonen abnehmen kann. Denn um administrative Arbeiten jemand anderem in die Hände zu geben, sollten sie nichts mit dem pädagogischen Auftrag der Lehrperson selbst zu tun haben. Denn Briefe an die Eltern, das Verfassen von Lernberichten, Ausfüllen von Zeugnissen, und weiteres mehr kann doch wohl nicht die Arbeit einer Person sein, die nicht selbst die Lehrperson ist. Oder etwa doch?
Ich hoffe Sie verstehen meine Frage und bin gespannt auf eine mögliche Antwort.

Freundlic​he Grüsse

P. S.
Eine administrative Arbeit ist mir doch noch eingefallen: der Stundenplan, der vor die Schulzimmertür gehängt wird.


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