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Wirtschaftslage 2012 und die Zukunft der Schweizer Industrie

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Nachdem sich die Wirtschaft der Schweiz im Jahr 2010 erholt hat, ist sie auch im Jahr 2011 weitergewachsen. Allerdings hat sich das Wachstum im Vergleich zum Vorjahr abgeschwächt. Dennoch lief es der Wirtschaft in der Schweiz besser als im europäischen Umfeld. Dieser Text informiert über die aktuelle Wirtschaftslage und das internationale Umfeld der Schweiz. Zum Schluss geht der Text noch auf die Zukunft der produzierenden Industrie in der Schweiz ein.

Aktuelle Wirtschaftslage der Schweiz

Die Schweizer Wirtschaft ist 2011 in allen vier Quartalen gewachsen. Ab Mitte Jahr hat sich das Wachstum aber abgeschwächt. Im vierten Quartal des letzten Jahres ergab sich ein jährliches Wachstum von 0.4%. Nach der im Jahr 2009 durch die Finanzkrise ausgelösten Rezession liegt das Bruttoinlandprodukt (BIP) wieder auf dem langfristigen Wachstumstrend, wie Abbildung 1 zeigt.



Abb. 1: Wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz. Quelle: SECO

Im Folgenden geht der Text nun genauer auf die Entwicklung des BIP ein und gibt einen Überblick über die aktuelle Konsumentenstimmung und die Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Bestandteile des BIP

Das BIP setzt sich aus dem Konsum, den Investitionen und den Nettoexporten (Exporte minus Importe) zusammen. Wie Tabelle 1 zeigt, macht der Konsum dabei mit 70% des BIP den grössten Teil aus. Den Rest teilen sich die Investitionen und Nettoexporte. Im Jahr 2011 übten vor allem der private Konsum und die Nettoexporte einen positiven Einfluss aus.

Der Konsum besteht aus dem privaten und dem staatlichen Konsum und ist 2011 um 1.3% gewachsen. Der private Konsum ist der wichtigste Bestandteil, denn er macht über die Hälfte des BIP aus. 2011 erreichte der private Konsum ein Wachstum von 1.6%. Gemessen an den letzten zehn Jahren ist dieser Wert überdurchschnittlich.

Der Staatskonsum ist in diesem Jahr nicht weiter angewachsen, sondern leicht gesunken. Im Staatskonsum sind die Ausgaben des öffentlichen Sektors für Waren und Dienstleistungen zusammengefasst.

Die Investitionen werden durch die Bruttoinvestitionen im BIP abgebildet. Im Jahr 2011 sind diese um 31.8% gesunken. Die Bauinvestitionen zeigten im letzten Jahr mit 7.8% ein gutes Wachstum und die Ausrüstungsinvestitionen mit 11.7% ebenso. Obwohl die Bruttoinvestitionen gesunken sind, erwarten die Unternehmen also auch in Zukunft eine steigende Nachfrage.

Der Rückgang ist auf die Änderungen in den Lagerbeständen zurückzuführen. Diese wurden stark abgebaut, was die gesamten Bruttoinvestitionen ins Minus gezogen hat. Gründe hierfür können eine überraschend hohe Nachfrage oder überfüllte Lager sein, die nun abgebaut worden sind.

Die Nettoexporte sind mit 57.6% am stärksten gewachsen. Aufgrund ihres eher kleinen Anteils kann aber das BIP gesamthaft nur schwach davon profitieren. Der Grund dafür liegt hauptsächlich in der Uhren-, Chemie- und Pharmabranche. Sie sind weniger anfällig auf den Wechselkurs und die allgemeine wirtschaftliche Lage im Ausland. Gewisse Produkte wie beispielsweise Medikamente werden trotzdem gekauft, da man sie schlicht benötigt. Die restlichen Exportbranchen wurden durch die schlechte Wirtschaftslage in Europa und den hohen Frankenkurs weiter unter Druck gesetzt.



Tabelle 1: Wachstum und Bestandteile des BIP. Quelle SECO

Konsumentenstimmung

Anhand der Konsumentenstimmung lässt sich die zukünftige Entwicklung des privaten Konsums einschätzen. Im letzten Jahr hat sich die Konsumentenstimmung verschlechtert.

Anfang 2011 lag sie noch weit über dem langjährigen Durchschnitt. Ab Mitte des Jahres wurde die Stimmung schlechter und mittlerweile ist die Konsumentenstimmung deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Die Werte sind aber noch nicht so tief wie während der Rezession. Wenn sich die Stimmung nicht wieder verbessert, deutet das für die Zukunft auf einen schwächeren Konsum hin. Dies kann die Wirtschaftsentwicklung hemmen.

Arbeitslosigkeit

Genau wie im Vorjahr betrug die Arbeitslosenquote im April 2012 3.1%. Im letzten Juli war die Arbeitslosenquote mit 3% so tief wie seit 2008 nicht mehr. Danach ist sie aber nicht mehr gesunken und im letzten Quartal 2011 erstmals seit zwei Jahren wieder gewachsen. Der Anstieg fiel aber nur schwach aus und mittlerweile ist die Quote wieder nahe am Minimum aus dem letzten Sommer.

Die Arbeitslosenquote berücksichtigt allerdings nicht alle Leute, die eine Stelle suchen. Es fehlen die ausgesteuerten Personen und Arbeitssuchende, die schon eine Stelle haben oder nicht sofort vermittelbar sind. Insgesamt suchen 4.5% der Erwerbstätigen eine neue Stelle. Dies ist etwas tiefer als im letzten Jahr.

Internationales Umfeld

Die Wirtschaftslage im Ausland hat grosse Auswirkungen auf die Exporte der Schweiz. Hauptsächlich die Situation in Europa bleibt weiterhin eine Gefahr. Aber auch die zukünftige Entwicklung des Ölpreises kann sich negativ auswirken.

Lage in Europa

In der EU zeichnet sich ein schlechteres Bild der Wirtschaft als in der Schweiz ab. Im vierten Quartal 2011 sank das Gesamt-BIP zum Vorjahr um 1.2%. Auch die Arbeitslosenzahlen haben im EU-Raum weiter zugenommen. Vor allem die Situation in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien drückte das Wachstum und die allgemeine Stimmung. Deutschland, als wichtigstes Exportland der Schweiz, konnte diese Entwicklung ein wenig abfedern, doch mittlerweile ist auch das deutsche Wachstum gebremst worden.

Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) geht für das Jahr 2012 von einem Stillstand in der EU aus. Das heisst, die Wirtschaft in Europa wird nicht wachsen.

Teures Erdöl

Eine zweite Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz ist der steigende Ölpreis. Nachdem der Preis im ersten Quartal 2012 um 16% gestiegen ist, hat er sich mittlerweile wieder etwas abgeschwächt. Der Preis verbleibt aber auf hohem Niveau.

Dies ist vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen. Einerseits ist die politische Lage in einigen arabischen Ländern sehr unsicher. Dies kann das Angebot verknappen und den Preis erhöhen. Anderseits steigt der Preis durch die immer höhere Nachfrage nach Öl der Schwellenländer.

Das teure Erdöl kann Inflation oder Arbeitslosigkeit verursachen. Sehr viele Produkte und Dienstleistungen benötigen Erdöl in verschiedensten Weisen (z.B. Benzin, Kunststoffe). Werden diese Anteile teurer, steigen die Produktionskosten. Geben die Unternehmer die höheren Produktionskosten an die Konsumenten weiter, kann dies eine höhere Inflation verursachen. Falls sie die höheren Kosten anderswo einsparen wollen, sind Arbeitsplätze gefährdet.

Zwischenfazit

Das Jahr 2011 konnte noch positiv abgeschlossen werden. Für die Zukunft ist aber aufgrund der immer noch eher schwachen Verfassung des internationalen Umfelds nicht mit einem grossen Wachstum zu rechnen.

Für das Jahr 2012 schätzen die Nationalbank, die KOF und das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) ein BIP-Wachstum von 0.8 bis 1%. Für das Jahr 2013 gehen sie von einem Wachstum von knapp unter 2% aus.

Zukunft der produzierenden Industrie in der Schweiz

Die Exporte als wichtiger Bestandteil der Schweizer Industrie haben sich in den letzten zwei Jahren zwar positiv entwickelt. Das Wachstum kam aber hauptsächlich aus der Chemie- und Pharmabranche sowie der Uhrenindustrie. Andere Branchen haben sich noch nicht vollständig von der Krise erholt.

Einflussfaktoren auf die Industrie

Im Wesentlichen wird die Schweizer Wirtschaft von einem Strukturwandel, der Weltwirtschaft und von Preiseffekten geprägt.

In der Schweizer Wirtschaft findet seit langem ein Strukturwandel statt. D.h. die Strukturen der drei Wirtschaftssektoren (Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen) verändern sich. Die Veränderungen wirken sich inzwischen aber auch innerhalb der Sektoren aus. So arbeitete im Jahr 1960 die Hälfte aller Erwerbstätigen im Industriesektor. Bis heute ist dieser Anteil auf 23% gesunken. Unterschiedliche Wirtschaftslagen beeinflussten die Richtung dieser Entwicklung nicht. Innerhalb des Industriesektors sind in dieser Zeit einige bestehende Sparten geschrumpft und dafür neue gewachsen.

Die Erfahrung zeigt weiter, dass bei den Exporten die Weltwirtschaft der wichtigste Einflussfaktor ist. Wächst die Weltwirtschaft um 1%, so ist der Effekt für die Schweizer Exportbranche gemäss dem SECO mehr als doppelt so stark. Diese direkte Abhängigkeit zeigt sich über alle Branchen.

Die Schweizer Industrie wird auch von Preiseffekten beeinflusst. Sie wirken sich schwächer als die Weltwirtschaft aus, sind aber dennoch einflussreich. Oftmals können andere Ländern die Produkte billiger produzieren als die Schweiz. Der tiefere Preis führt einerseits zu weniger Exporten für die Schweizer Industrie. Andererseits geht dadurch auch die inländische Nachfrage nach solchen Schweizer Produkten zurück. Die Unternehmen werden nun das günstigere Produkt importieren. Als zusätzlicher Preiseffekt wirkt der Wechselkurs. Wie die aktuelle Situation zeigt, können bestehende Preisunterschiede spürbar verstärkt werden. Speziell die Nachfrage nach Textilien, Papierwaren, Wohnungseinrichtungen oder Spielzeug reagiert sensibel auf Wechselkursveränderungen.

Folgen dieser Einflüsse

Der Strukturwandel gibt langfristig die Richtung der Entwicklung der Schweizer Wirtschaft vor. Gewisse Industrien verschwinden, neue Wirtschaftszweige siedeln sich an. Die Lage der Weltwirtschaft oder der Wechselkurs beeinflussen das Tempo dieses Prozesses.

Ein Strukturwandel kann nicht allgemeingültig als negativ bezeichnet werden. Der Prozess verläuft eher langsam. Im betroffenen Sektor verlieren nicht alle Leute sofort ihre Stelle, sondern es gibt Zeit für Anpassungen. Heute wird der Strukturwandel aber durch die Lage der Weltwirtschaft und den hohen Wechselkurs beschleunigt. So können rasch viele Stellen bedroht sein. Die betroffenen Unternehmen sowie der Staat haben gewisse Hebel, um diese Folgen abzuschwächen.

Was können die betroffenen Unternehmen tun?

Die Unternehmen können langfristig über Qualität und Innovationskraft versuchen, die hohen Preise zu rechtfertigen. Alternativ können sie durch effizientere Produktion Kosten sparen. Für grosse Teile der Schweizer Industrie besteht in diesem Bereich aber nicht mehr viel Sparpotenzial. Deshalb geht der Text nur auf die ersten beiden Punkte genauer ein.

Durch eine hohe Qualität kann der Preiseffekt abgeschwächt werden. Die Luxussegmente – wie z.B. in der Uhrenindustrie – werden kaum vom Wechselkurs beeinflusst. Qualität misst man aber nicht nur über das Produkt sondern auch über den Prozess. Bietet eine Unternehmung neben einem hochstehenden Produkt auch Dienstleistungen wie Lieferung, Inbetriebnahme oder Service an, kann sie sich von anderen Marktteilnehmern abgrenzen. Der höhere Preis kann durch die höhere Qualität der gesamtheitlichen Lösung durchgesetzt werden.

Viele Unternehmen in der Schweiz zeichnen sich durch eine hohe Innovationskraft aus. Dieser Effekt zeigt sich gut an der Pharmabranche. Oftmals stehen neue Medikamente unter Patentschutz und nur eine Unternehmung darf es anbieten. Kann eine Unternehmung ihre Produkte durch Innovationen ständig verbessern, ist sie im Vergleich zur Konkurrenz in einer stärkeren Position. Da sie das Produkt als einzige anbietet, gibt es Spielraum für einen hohen Preis.

Was kann der Staat tun?

Von aussen kann der Effekt des Wechselkurses kurzfristig geschwächt werden und langfristig die Industrie durch gute Rahmendbedingungen gestützt werden.

Indem die Nationalbank (wie heute durch den Mindestkurs) den Franken schwächt, besitzt sie ein wirksames Mittel gegen negative Effekte des Wechselkurses. Die Möglichkeiten dieses Ansatzes sind begrenzt, denn die Nationalbank kann den Wechselkurs nicht beliebig steuern.

Langfristig kann der Staat die passenden Rahmenbedingungen für die Industrie (und die Wirtschaft als Ganzes) schaffen. Dabei geht es beispielsweise um ein gutes Bildungssystem, eine gute Infrastruktur oder um eine gewisse Sicherheit in rechtlichen Fragen.

Fazit

Die Zahlen aus der Chemie-, Pharma- und Uhrenindustrie zeigen, dass für die Schweizer Industrie trotz Strukturwandel noch Wachstumspotenziale vorhanden sind. Der Strukturwandel als Ganzes wird aber wohl weitergehen. Es ist für die Industrieunternehmen wichtig, sich von der internationalen Konkurrenz abgrenzen zu können. Dann kann auch ein höherer Preis durchgesetzt werden. In Branchen, wo der Preiswettbewerb dominiert, wird es für Schweizer Unternehmen in Zukunft jedoch schwieriger, sich zu bewähren.


Literaturverzeichnis [ ein-/ausblenden ]


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Zusammenfassung

Die Schwei­zer Wirt­schaft hat im vier­ten Quar­tal 2011 ein jähr­li­ches Wachs­tum von 0.4% er­zielt. Von den Be­stand­tei­len des BIP wirk­ten sich vor allem der pri­vate Kon­sum und die Net­to­ex­porte po­si­tiv aus. Die Brut­to­in­ves­ti­tio­nen gin­gen hin­ge­gen zu­rück. Der Rück­gang lässt sich aber nicht durch ne­ga­tive Zu­kunft­s­er­war­tun­gen er­klä­ren, son­dern durch einen ab­neh­men­den La­ger­be­stand der Un­ter­neh­men. Die Ar­beits­lo­sig­keit hat sich im ver­gan­ge­nen Jahr nicht gross ver­än­dert, die Kon­su­men­ten­stim­mung ist hin­ge­gen zu­rück­ge­gan­gen. Für das Jahr 2012 rech­net man mit einem Wachs­tum von knapp 1%. Im in­ter­na­tio­na­len Um­feld hat die Lage in Eu­ropa nach wie vor die grösste Be­deu­tung, doch auch der hohe Öl­preis kann sich ne­ga­tiv auf die Schwei­zer Wirt­schaft auswirken.

Die Schwei­zer In­dus­trie ist von einem lang­jäh­ri­gen Strukturwandel ge­prägt. Es ar­bei­ten immer we­ni­ger Leute im In­dus­trie­sek­tor. Die Welt­wirt­schaft und Preis­ef­fekte kön­nen die Ge­schwin­dig­keit die­ser Ent­wick­lung be­ein­flus­sen. Die Un­ter­neh­men kön­nen lang­fris­tig durch hohe Qua­li­tät und In­no­va­ti­ons­kraft die ne­ga­ti­ven Fol­gen ab­schwä­chen. Der Staat kann eben­falls dazu bei­tra­gen, indem er den Wech­sel­kurs be­ein­flusst und lang­fris­tig für gute Rah­men­be­din­gun­gen für die In­dus­trie sorgt.

Kommentare von Lesern zum Artikel

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22%
(9 Stimmen)
Stefan Kirchgraber sagte August 2012

Unsere Wirtschaft: schädlich oder nachhaltig

http://​survivalsgnachhaltige​politik.blogspot.ch/2​010/02/kriegswirtscha​ft.html


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