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Ästhetik gegenüber brutaler Macht

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Die Fas­zi­na­tion von Fa­beln.

 

Die Verhältnisse sind klar: Die Nachtigall ist schön und kunstbegabt; welche Chance aber haben Ästhetik und Kunst gegenüber brutaler Macht, die sich noch zynisch brüstet, Herrin über Leben und Tod zu sein? Natürlich keine. Mir kommen die zahllosen Menschen in den Sinn, die mit Geist und Talenten ausgestattet den hirnlosen, bösen Kriegsschergen der Nazis zum Quälen ausgeliefert waren. Der Habicht lässt die Klagende – das einzige Linderungsmittel für die Elenden dieser Welt sind die Tränen – gar nicht zu Wort kommen. Ein Despot diskutiert nicht.

 

Von der Macht des Stärkeren handelt auch die berühmte Fabel vom Wolf und vom Lamm, Nummer eins bei Phaedrus:

 

Zum selben Bach waren Wolf
und Lamm gekommen,
vom Durst getrieben; oben stand der Wolf
und viel weiter unten das Lamm.
Darauf brachte der Räuber,
von unersättlicher (globalisierter) Fressgier angetrieben,
einen Streitgrund vor.
‹Warum›, sagte er, ‹hast du mir beim Trinken
das Wasser getrübt?› Der Wollträger sagte
dagegen voll Furcht:
‹Wie kann ich, bitte, machen,
worüber du dich beklagst, Wolf?
Das Wasser fliesst doch von dir
zu meiner Trankstelle.›
Durch die Kraft der Wahrheit zurückgewiesen,
sagte der Wolf:
‹Genau vor sechs Monaten
hast du mich geschmäht.›
Das Lamm antwortete: ‹Da war ich
ja gar noch nicht geboren.›
‹Bei Gott›, sagte der Wolf, ‹so hat halt
dein Vater mich geschmäht.›
Und so packt er es und zerreisst es in ungerechtem Mord.
Diese Fabel ist um jener Menschen willen
geschrieben, die mit erfundenen Gründen (z.B. mit dem EU-Rahmenvertrag)
Unsc​huldige unterdrücken.

 

 

Der Wolf und das Lamm, 1930er Jahre von Charles Robinson
 
 

Ziel seiner Dichtung sei, so sagt Phaedrus, die Menschen «zum Lachen zu bringen» und «mit klugem Rat das Leben zu ermahnen».

 

Also das klassische horazische prodesse (nützen) und delectare (erfreuen), oder, modern ausgedrückt, Information und Entertainment, während die heutige Tendenz eindeutig in Richtung Infotainment geht, in Belehrung in unterhaltsamer Form. Siehe medizinische Sendungen am TV.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl wurde zuerst unterschätzt, dann, als die Wiedervereinigung glückte, überschätzt, und zuletzt, nach seinem Abgang, von seinen politischen Gegnern im Zusammenhang mit der Spendenaffäre wie der letzte Dreck behandelt. Manch ein Bonsai-Politiker aus der Provinz konnte da an dem Löwen von einst sein Mütchen kühlen und seine dreckigen Schlarpen an ihm abstreifen.

 

Auch für diese typische Verhaltensweise bietet Phaedrus ein «fabelhaftes» Beispiel:

 

Der alte Löwe, der Eber, der Stier und der Esel


Jeder, der seine frühere Würde verloren hat,
der wird im Unglück sogar zum Gespött der Feigen.
Als ein Löwe, geschwächt durch die Jahre
und verlassen von seinen Kräften,
in seinen letzten Zügen lag,
kam ein Eber mit blitzenden Hauern zu ihm
und rächte durch einen Stoss eine alte Beleidigung.
Bald darauf durchbohrte ein Stier
mit kampfbereiten Hörnern
den Körper seines Feindes.
Als der Esel sah, dass das wilde Tier
ungestraft verletzt wurde, schlug er ihm
mit den Hufen die Stirne ein.
Doch im Verscheiden sagte der Löwe:
‹Nur mit Ingrimm habe ich es ertragen,
dass tapfere Tiere mich beleidigen;
weil ich aber gezwungen werde, dich,
du Schande der Natur, zu ertragen,
glaube ich gewiss, zweimal sterben zu müssen.›

 

Vom Preis der Sicherheit, der FREIHEIT

 

Und noch ein letztes Beispiel für die unsterbliche Wahrheit der Fabel. In den Fabeln des Phaedrus begegnet uns ein ewig gültiges Wissen über das Wesen des Menschen und seine Verhältnisse. Wer Fabeln liest, lernt zu durchschauen, wie die Mechanismen der Welt ablaufen, welche Triebe die Menschen lenken und wohin fehlgeleitetes Verhalten führt. Die Unterscheidung in alte und moderne Literatur ist ein Blödsinn. Es gibt nur gute und schlechte Literatur, gültige Literatur und Eintagsfliegenprodukt​e.

Die Fabel wird teilweise referiert, teilweise übersetzt:

 

Der Wolf zum Hund


Ein furchtbar magerer Wolf begegnet
einem gutgemästeten Hund.
Der Wolf erkundigt sich nach dem Grund
des prächtigen Aussehens des Hundes.
Er sei viel stärker, sagt der Wolf,
komme aber um vor Hunger und müsse
in den Wäldern ein elendes Leben führen.
Der Hund stellt ihm dasselbe Wohlergehen
in Aussicht, wenn er seinem Herrn
den gleichen Dienst wie er leisten könne.
Er brauche bloss die Türschwelle
zu bewachen und nachts das Haus
vor Dieben zu schützen.
Der Wolf ist einverstanden,
sie machen sich auf zum Gehöft.
Während des Heimwegs erblickt der Wolf
den von der Kette wundgescheuerten Hals
des Hundes.

«Woher kommt das, Freund?», fragte der Wolf.
«Es ist nichts.» «Sag’s bitte trotzdem!»
«Weil ich scharf scheine, binden sie mich tagsüber an,
damit ich bei Tageslicht ruhe und wache,
wenn die Nacht gekommen ist:
In der Abenddämmerung werde ich losgebunden
und streife umher, wo es mir gefällt.
Man wirft mir freiwillig Brot zu;
von seinem Tisch gibt mir der Herr Knochen;
Brocken wirft mir das Gesinde zu
und das Fleisch, das jeder verschmäht.
So füllt sich mein Bauch ohne jede Anstrengung.»
«Nun, wenn du Lust hast, irgendwohin
wegzugehen​, hast du dann dazu die Freiheit?»
«Nicht so ganz», antwortet er. «So geniesse,
was du lobst, Hund:
Nicht König möchte ich sein auf Kosten
meiner Freiheit.»

 

Der Hund führt ein sicheres, geborgenes, gleichförmiges Leben ohne Sorgen. In seiner eng begrenzten Aufgabe bei stark eingeschränkter Freiheit (vgl. EU-Rahmenvertrag) zieht er seinen Lebenskreis.

 

Die Spuren der Unfreiheit sind deutlich sichtbar. Der Wolf hingegen ist einem entbehrungsreichen und abenteuerlichen Leben ausgesetzt, geniesst dafür die Freiheit, sein Leben selbst zu bestimmen. Er ist der Vagant, der Bohemien, der Autonome, der Hund der Bourgeois, der Beamte, der saturierte Sesshafte, der FREMDBESTIMMTE. In der Jugend streben wir alle nach der Wolfsexistenz, meist kommt aber dabei das Hundedasein heraus. Glücklich, wer die Sehnsucht nach dem Leben des Wolfes noch immer in sich spürt.

 

Allerdings: Freiheit hat ihren Preis. Das Leben des Bourgeois aber auch. Wer zahlt den höheren Preis?

 

Der Zauber der Fabel, Auszüge, WW Artikel und alle Übersetzungen von Kurt Steinmann

 

 

Die Großen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen.

 

Die Grossen hören auf zu herrschen, wenn die Kleinen aufhören zu kriechen.

 

 

 


Kommentare von Lesern zum Artikel

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30%
(10 Stimmen)
Louis Blanchot sagte December 2019

Herr Hottinger

Der Inhalt der Fabeln in Zusammenhang mit den heutigen gesellschaftspolitisc​hen Gegebenheiten finde ich äusserst interessant und ebenso amüsant. Hat mich jedenfalls sehr zum Nachdenken gebracht.
Merci und weiter so.




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