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Ehrenvoll verhungern und erfrieren?

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Ehrenvoll ver­hun­gern und erfrieren?

 

Frau alt-Ständerätin Anita Fetz, geb. 1957, hatte am 24.02.20 in der Basler Zeitung einen Beitrag zur Neutralität. Dabei gab sie noch der Schweiz zur Zeit des zweiten Weltkrieges mit folgenden Worten einen Tritt ans Bein: «… kooperierte der Bundesrat mit Nazi-Deutschland kriegswirtschaftlich und finanziell.» Damit verfiel sie der populären Mode, aus heutiger Sicht, aber ohne eigene Erfahrungen, frühere, völlig andere Zeiten zu beurteilen.

 

Ab Kriegsbeginn am 1. September 1939 bis zum Fall des völlig demoralisierten Frankreichs am 22. Juni 1940 (nur sechs Wochen nach Beginn des deutschen Angriffs) forderte uns Grossbritannien auf, den Handel mit den Achsenmächten einzustellen. Die Schweiz lehnte unter Hinweis auf das Haager Abkommen ab (Gleichbehandlung der Kriegsparteien durch die Neutralen). Grossbritannien, dass die Meere beherrschte, erlaubte der Schweiz nur Importe für eine zweiwöchige Lagerhaltung. Nach der französischen Niederlage verstand Grossbritannien im Gegensatz zu Frau Fetz die extrem schwierige Lage der Schweiz, die von 1940 bis 1944 von den Achsenmächten umzingelt war, und änderte seine Haltung vollständig: Am 22. September 1940 schrieb das britische Aussenministerium seinem Gesandten in Bern: «…dass die offensichtliche Bereitschaft der Schweizer Militärkreise zum Widerstand nicht durch irgend eine Massnahme unsererseits geschwächt wird…Falls die Schweiz (gegenüber Deutschland) Entgegenkommen zeige, bestehe wenigstens für einige Zeit die Möglichkeit verhindern zu können, dass sie die Lieferung von Kriegsmaterial an Grossbritannien vollständig einstellen müsse». Grossbritannien wusste, dass nicht nur alle lebenswichtigen Importe der Schweiz, sondern auch die für England kriegswichtigen Schweizer Exporte von Deutschland bewilligt werden mussten. Und diese Bewilligungen konnten nur dadurch erreicht werden, deutschen Forderungen «entgegen zu kommen». Vor der totalen Einschliessung der Schweiz durch die Achenmächte, exportierte die Schweiz ein Vielfaches an Kriegsmaterial an die Alliierten. Deshalb schrieb der Sonderstab für Handelskrieg und wirtschaftliche Kampfmassnahmen des Oberkommandos der Wehrmacht in einem Memo für Hitler vom 4. Juni 1940: «Die Kriegsgerätelieferung​​en der Schweiz an die Feindmächte übersteigen die Lieferungen für Deutschland um ein Vielfaches». Dazu gehörten wohl auch die 1500 Fliegerabwehrkanonen,​​ die die Schweiz in der Anfangszeit des Krieges der englischen Flotte lieferte (das waren dreimal mehr, als die Schweizer Armee besass).

 

Frau Fetz erlebte ja nicht und weiss deshalb nicht, wie es damals war. Alles war rationiert und extrem knapp. Lebensmittel, Kleider, Schuhe, das Gas für die Küche, Benzin, Kohle zum Heizen (mangels Heizmaterial froren am Tag vor Weihnachten 1944 im Elternhaus des Verfassers alle Wasserleitungen ein und platzten. Tief vermummt, mit Eiszapfen, die von der Decke hingen, sass die Familie um den Weihnachtsbaum). Immer wieder bestand Brot monatelang zu einem Drittel aus Kartoffeln und zog beim Brechen lange Fäden. Da die Tee- und Kaffeerationen derart klein waren, liess man sie nur kurz im heissen Wasser, trocknete sie dann und verwendete sie am nächsten und übernächsten Tag wieder. Weiss Frau Fetz was eine «Kochkiste» ist. Da die Gasration sehr knapp war, hat man meistens einen «Eintopf» für die Hauptmahlzeiten gemacht. Man brauchte nur 1 Kochstelle auf dem Herd, alles, Gemüse, Kartoffeln, gelegentlich eine kleine Ration Fleisch wurden zusammen in einem Topf angekocht und dann für eine Stunde in die stark wärmeisolierte Kochkiste gestellt, um die Eintopfspeise ohne Energieverbrauch in der eigenen Hitze weichzukochen. Wir Jungen, noch nicht in der Armee eingeteilt, mussten in den Sommerferien jeweils mehrere Wochen bei Bauern Landdienst leisten, anstatt mit hübschen Mädchen irgendwo am Strand zu liegen. Für Städter eine sehr harte Zeit, obschon es dort wenigsten wieder Rösti (mangels der knappen Fettrationen zuhause nicht mehr möglich) und anderes gutes Essen gab und man dabei lernte, wie Lebensmittel produziert werden.

 

Da für das Überleben der Menschen in der Schweiz der Aussenhandel (Lebensmittel aus Übersee; Kohle (150'000 T/Monat), Eisen, Treibstoff, Dünger etc. aus Deutschland, der Zugang zum Hafen von Genua,) unbedingt aufrecht erhalten werden musste, gab das Deutschland eine enorme Verhandlungsmacht. Um Druck in den Verhandlungen aufzubauen, stellte Deutschland zweimal die Kohlelieferungen ein. Trotzdem liess die Schweiz die neuen Verhandlungen von 1942 platzen und setzte im Vertrag vom 23. Juni 1943 durch, ihre Lieferungen von Rüstungsmaterial an Deutschland stark zu reduzieren. Die Schweiz nutzt den Kriegsverlauf aus und reduzierte im Handelsabkommen vom 29. Juni 1944 den Rüstungsexport auf noch 20% der ursprünglichen Lieferung. Als im September 1944 US Truppen bei Genf die Schweizer Grenze erreichten, also die Umzingelung durch die Achsenmächte aufbrach, beendete sie die Handelsbeziehungen mit Deutschland.

 

(Von der Vorkriegszeit bis 1941 stiegen die Schweizer Importe aus Deutschland von 25.3% auf 32.4% des Schweizer Aussenhandels, die Exporte dorthin von 32.4% auf 39.4%. Bis 1944 waren die Importe aus Deutschland auf 36.5% gestiegen, die Schweizer Exporte auf 25.5% gefallen. 1938 importierte die Schweiz 6% nach Grossbritannien und exportierte dorthin 11.2%. Ende 1944 waren die Importe auf 01.%, die Exporte auf 3% gefallen. Obschon der Aussenhandel in Franken ausgedrückt umfangreich aussah, schrumpfte er bis 1942 gegenüber der Vorkriegszeit auf einen Drittel. 1944 konnte die Schweiz mengenmässig nur noch so viel importieren wie 1888).

 

Nach seinem Sieg im Westen hatte auch Deutschland die Schweiz aufgefordert, ihren Handel mit seinen Feinden einzustellen. Die Schweiz lehnte unter Hinweis auf das erwähnte Abkommen und ihre Ablehnung der gleichlautenden britischen Forderungen ab. Mit beiden Lagern schloss die Schweiz dann Verträge ab: Am 24.04.1940 das Blockadeabkommen mit Grossbritannien, dass die Schweizer Ausfuhren nach Deutschland, selbst von Milch, Käse, Obst, britischer Kontrolle unterstellte. Und am 9. August 1940 das Wirtschaftsabkommen, dass den Schweizer Aussenhandel deutschen Bewilligungen unterstellte. Die Schweiz musste nun bei beiden Kriegsparteien für jede Ein- und Ausfuhr gleichzeitig Navicerts (GB) bzw. Geleitscheine (D), (z.B. für die von Grossbritannien für seine Rüstungsindustrie dringend benötigten Schweizer Werkzeugmaschinen) beantragen. Pikanterweise beklagte sich US Generalkonsul Buhman in Bern am 29. Oktober 1940 darüber, dass Grossbritannien keine Navicerts für den Handel der USA mit der Schweiz ausstellte. Im Laufe der Kriegsjahre übernahm die Schweiz von Deutschland Gold im Wert von 1.7 Milliarden Franken entgegen, von den USA Gold im Wert von 2.9 Milliarden. Laut alliierten Nachkriegsquellen waren vom deutschen Gold 800 Millionen Franken Raubgold. Dass die Schweiz nicht kontrollierte, woher das deutsche Gold kam, war kein Ruhmesblatt im Überlebenskampf. Dieser wurde sehr erschwert, als die USA, wenige Monate vor ihrem Kriegseintritt im Dezember 1941, sämtliche bei ihnen liegenden Gold- und Devisenbestände der neutralen europäischen Staaten, also auch die der Schweiz, am 21. Juni 1941 blockierten. Diese Mittel standen bis Kriegsende nicht mehr für die Finanzierung der Importe zur Verfügung.

          ​​                    ​ ​                   ​  ​                  ​   ​                 ​    ​                ​     ​                       ​​                    ​ ​                   ​  ​                    ​ ​                   ​  ​                  ​   ​                 ​    ​                ​     ​               ​      ​              ​       ​ Weiss Frau Fetz nicht, dass das Haager Abkommen den Neutralen den Handel und die Belieferung der Kriegsparteien erlaubt, aber diese verpflichtet, jeder Kriegspartei die Benutzung ihres Territoriums und Luftraums notfalls gewaltsam, d.h. mit einer starken , laut Bundesverfassung mit einer «kriegsverhin-dernden​​» Armee zu verwehren? Warum setzt sie sich nicht für den dringenden Wiederaufbau der unter dem Titel WEA zerschlagenen Armee ein, was uns selbstverschuldet wehrlos in den nächsten Krieg führt?


Kommentare von Lesern zum Artikel

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50%
(12 Stimmen)
jan eberhart sagte Vor 27 Tagen

Zumindest war die Schweiz nicht offiziell verbündet und stellte Truppen für den Krieg.

Anders als Finland (Sowjetunion), Ungarn, Italien, Rumänien, Kroatien, Vichy-Regime, Japan oder Machthaber die dank HItler an die Macht gekommen waren (Franco).




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44%
(18 Stimmen)
Hans Knall sagte Vor 27 Tagen

All die Oberlis, Fetzes und Konsorten, die sich hier bemühen, ein möglichst schlechtes Licht auf die Schweiz zu richten und sie der angeblichen Kollaboration mit den Nazis bezichtigen, sind bezeichnenderweise exakt dieselben, die heute alles daran setzen, die Schweiz nicht nur zur Kollaboration sondern gar zur Unterstellung unter die aktuelle Nachfolgeorganisation​, die EU-Diktatur, zu zwingen…


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41%
(17 Stimmen)
RUDOLF OBERLI sagte Vor 27 Tagen

"Frau alt-Ständerätin Anita Fetz, geb. 1957, hatte am 24.02.20 in der Basler Zeitung einen Beitrag zur Neutralität. Dabei gab sie noch der Schweiz zur Zeit des zweiten Weltkrieges mit folgenden Worten einen Tritt ans Bein: «… kooperierte der Bundesrat mit Nazi-Deutschland kriegswirtschaftlich und finanziell.» Damit verfiel sie der populären Mode, aus heutiger Sicht, aber ohne eigene Erfahrungen, frühere, völlig andere Zeiten zu beurteilen."

Im erwähnten Artikel in der BaZ vertrat Frau NR Fetz nur die Ansicht, die Schweiz habe sich während des Zweiten Weltkriegs nicht immer neutral verhalten. Sie erwähnte u. a., dass die Schweiz mit dem Deutschen Reich "kriegswirtschaftlich​ und finanziell" kooperiert habe. Frau Fetz hielt sich dabei wörtlich an den geschichtswissenschaf​tlichen "Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg", Herr Frick.

https://www​.vimentis.ch/dialog/r​eadarticle/ehrenvoll-​verhungern-und-erfrie​ren/?open=248181&jump​to=248182

Falls die Historiker in diesem Bericht Kooperationen der Schweiz mit dem Deutschen Reich nicht nur wissenschaftlich beschrieben, sondern ausnahmsweise beurteilten, taten sie dies streng aus der DAMALIGEN Sicht. Das Ergebnis: Aus der damaligen Sicht wäre für die Verantwortlichen zu erkennen gewesen, dass manche der Kooperationen weit über das hinausgingen, was politisch notwendig gewesen wäre. Die Kollaborationsfälle werden einzeln aufgezählt; es wird nichts verallgemeinert.

Die Schweiz war nach dem Sieg der Alliierten aussenpolitisch vorerst total isoliert. Der Bundesrat konnte eine Besetzung der Schweiz durch die US-Armee nur mit viel Glück und Entgegenkommen abwenden. Die Siegermächte beurteilten die Schweizer mir Recht als «Kriegsgewinnler», die mit den Nazis kooperiert hatten (und sie wussten noch nicht, was man heute weiss ...). Im Abkommen von Washington wurde die Schweiz dann 1946 gezwungen, den USA 250 Mio. CHF zu bezahlen. Dafür wurden die Schweizer Konten entsperrt, und die «Schwarze Liste» der Schweizer Unternehmen, die mit den Nazis kooperiert hatten, wurde gelöscht.


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54%
(13 Stimmen)
jan eberhart sagte Vor 27 Tagen

Der Vatikan öffnet seine Archive zum 2. WK und Hitler und dann können zumindest gewisse Historiker schauen, wie der Puis XII (vorher in der Weimarer Replublik, lebenslang von
Deutschen umgeben) zu der ganzen Sache stand, und wie er nun einzuordnen ist.


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39%
(18 Stimmen)
E. Baumann sagte Vor 28 Tagen

Sehr geehrter Herr Frick
Haben Sie sich nicht auch einmal gefragt, wer denn die Schweiz an Nazideutschland verraten wollte und warum dieser wer, die Zusammenarbeit wollte?

Es war, wie es heute genau gleich mit der EU ist, die FDP. Damals mit dem damaligen Bundespräsidenten Pillet-Gollaz. Wenn es General Guisan nicht gegeben hätte, würde die Schweiz heute nicht so aussehen.

Ich sehe Parallelen mit heute. Die Schweiz hat nichts gelernt und möchten unbedingt in den Geldbeschaffungskampf​ der EU hineingezogen werden, gerade jetzt, wo England die EU verlässt und halt der EU viel Geld fehlt. Wenn Sie die Geschichte gelesen haben, werden Sie auch dies erkennen.

Was mich dabei heute besonders stört ist, dass Leute von der FDP ohne Mandat mit Leuten der EU verhandeln. Das geht gar nicht!

Man darf nicht einzelne Dinge aus der Geschichte herausziehen, die einem passen, sondern sollte die Gesamtheit sehen.


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56%
(16 Stimmen)
adrian michel sagte Vor 28 Tagen

Lieber Herr Frick
Ich gehöre nicht zu den Leuten die - wenn 20 kahl rasierte Nazis mit Baseballschlägern um mich herum stehen - meinen den Helden markieren zu müssen.

Ich habe also etwas mehr Verständnis für die Schweiz im 2. Weltkrieg als andere.

Allerdings haben wir jetzt auch gelernt, dass unsere Neutralität genau der verlogene Etikettenschwindel war, für den ihn viele Intellektuelle seit Jahrzehnten gehalten haben.

Wir sprechen nicht vom 2.Weltkrieg und noch nicht mal vom kalten Krieg: Wir sprechen davon, dass auch nach dem Fall der Mauer bis vorletztes Jahr Bundespolizei, Geheimdienste und Regierungsmitglieder die in der Verfassung und in den Herzen der Schweizer verankerte Schweizer Neutralität aufs Übelste hintergangen und pervertiert haben.

Allerspätestens für die Zeit nach dem Kalten Krieg gibt es dafür weder eine Ausrede noch mildernde Umstände!

Solange wir nicht Willens genug sind diesen Missbrauch mit einer PUK zu untersuchen und diesen empfindlichen Dolchstoss gegen den Souverän folgenlos hin nehmen…

…sind alle Angriffe gegen die Schweizer Neutralität vollständig berechtigt.

Wenn wir diesen Wert so billig preisgeben… war er nie mehr Wert als das Papier auf dem er geschrieben stand.


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47%
(17 Stimmen)
Hans Ramseier sagte Vor 28 Tagen

Lieber Gotthard, dein Artikel ist unheimlich wertvoll. Politiker müssen sich ja immer in Echtzeit äussern, in unserer schnellebigen Zeit. Und es ist gar nicht so einfach, back to the Roots zu gehen. Informationen erhält man ja sonst nur tröpfchenweise.


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