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Wir Kinder von 68

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DAS MA­GA­ZIN, Ta­ges­-­An­zei­ger 

 

Wir 68er Kinder

Ein radikal-subjektiver Bericht

 

Zwischen den Zeiten

 

Unten am Bellevue wölkten sich Nebelschwaden, gewaltige Polizeimonstrositäten​ wälzten sich seewärts, tankten Tränen und fluteten die Stadt. Oben an der Rampe zur Hohen Promenade in sicherem Abstand hielt mich meine Mutter fest, fest in ihren Armen, die ja doch nichts ändern konnten; zogen in ihrem Kopf die Bilder vom Globuskrawall vorbei, als der Traum ihrer Generation zerstob wie nun, 1980, der Traum einer neuen Jugend? Später zog sie mich in einen Hauseingang und zeigte mir, wie man im panischen Gewühl gegen den Strom rennen muss, um den ausschwärmenden Helmköpfen und ihren Geschossen zu entkommen.

Noch gewärmt von den Armen einer 68-erin, den Kopf vor dem Tränengas in ihren Schoss vergraben, blieb ich mit dreizehn doch nur Beobachter einer Rebellion, zu früh geboren, um mitzumachen, und doch schon zu spät, um den Hass jener Jugend auf ihre Väter teilen zu können. Denn unsere Eltern, sie waren nie unsere Gegner, sondern Geschwister, manchmal gar unsere eigenen Kinder, auf die wir aufpassen mussten und um die wir uns schwer Sorgen machten. Sie blieben uns nah, bei aller Gebrochenheit, die wir in ihren Gesichtern lesen konnten, bei allen Brüchen, die sie in unserer eigenen Kindheitsgeschichte hinterliessen.

Ja, wir bewunderten unsere Eltern, hörten die gleiche Musik, noch Jahre später das krosende Tonband etwa, das ein Freund für meine Mutter zwischen zwei Whiskey-Spritzen in den Gigot zusammengestellt hatte, wobei diese Identifikation so weit ging, dass wir den Gigot trotz Whiskey assen und sogar Cat Stevens‘ Stimme noch jahrelang ertrugen. Und doch sahen wir die Verhärtung in ihren Zügen, die vom Kampf herrührten – wir teilten ihre Ideale, aber wir glaubten nie daran, dass der Mensch gut sei und nur die gesellschaftlichen Verhältnisse aus ihm etwas Verkrüppeltes und Verkommenes machen.

Nein, wir glaubten nie an Rousseau, den Urahn von 68, sondern an Nietzsche – der Mensch ist ein wildes Tier, das stolz am Sechseläuten paradiert und sich von jenen zujubeln lässt, die ein paar Brötchen und stinkende Fische zugeworfen bekommen, um ihren Lebenshunger am Rand der Paradeplätze zu stillen. Doch wurden die 1.-Mai-Umzüge nicht von vergleichbaren hierarchischen Strukturen durchherrscht? Wollte nicht auch unter ihnen jeder ein Held werden, und kein normaler Thomas bleiben? Ging es nicht immer, links wie rechts um den Willen zur Macht – und nie darum, die Phantasie an die Macht zu bringen?

Wir glaubten nie an den gesamtgesellschaftlic​hen Aufbruch, sondern nur an die individuelle Revolte, den täglichen Versuch, sich nicht in Lügen verstricken zu lassen. Auch wir wollten alles wissen, alles lesen, doch nicht, um daraus marxistische Formeln zu gewinnen, sondern um stets die Erfahrung zu machen, dass uns das Wissen entgleitet und nur im Staunen für Sekundenbruchteile der Vorhang vor den Dingen sich aufbauscht, den Blick kurz freigibt in eine Welt des Zwielichtigen.

In Zweiergruppen, in winzigen Keimzellen wollten wir Widerstand üben, auf den Möglichkeiten der Phantasie beharren und die Ohnmacht der Logik am Leitfaden des eigenen Leibes erleben, nicht in Parteien und nicht in Vollversammlungen. Und nun die bange Ahnung, dass auch wir uns je und je mit der Kapitulation abfinden... die Miete... das Kind... Wir sitzen da, als schlecht gecopypastete Wiedergänger unserer Eltern. Wir stecken die Kinder in eine Krippe, aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Bequemlichkeit. Ja, wir sind sehr fett geworden in all den Jahren, selbstgefällig - und haben auf der ganzen Linie versagt.

Wir haben keine Partei gegründet und auch keine Zeitschrift wie den Alltag oder Parkett, schon gar nicht eine Wochenzeitung, sondern wir haben uns immer schon mit den netten Nischen, die man uns anbot, abgefunden, mal hier, mal dort, ohne jede Linie. Und die paar Soda-Blasen, die stammen nun auch schon von der nächsten Generation. Und dann, spätabends, da haben wir dann so Ideen, von wegen Zeitschriften, Kampfblättern, vielleicht gar einer Partei – am nächsten Morgen ist es vergessen und wir lavieren musterschülerhaft durch die Apparate.

 

Die freie Schule als Labor für Kinderversuche

 

Mit süffisantem Tonfall wurde ich bei der Berichterstattung der Tagesschau über den 1. Mai 1968 als „jüngster Demonstrant“ mit Schnuller im Kinderwagen vorgeführt. Als dann die revolutionäre Saat aufging, entwickelte meine Mutter – Krippen gab es noch keine, nur Au-pair-Mädchen für die Oberschicht – verschiedene Systeme mit oder ohne Schnur, damit ich, 5 Monate alt, nur den Kopf zu drehen hatte, um an den Schoppen zu kommen oder ihn an der Schnur zurück ins Bett ziehen konnte, wenn im Corbusier-Haus am See ein Sit-in stattfand. Dann lag ich also zu Hause wie die Babys ihrer bäuerlichen Vorfahren bei der Heuernte.

Bald gründete sie die erste alternative Kinderkrippe der Schweiz in Zollikon. Und dort – den Photos nach zu schliessen – war es paradisiakisch schön. Man schaufelte im Dreck, schaukelte stundenlang rum und die Eltern „hüteten“ uns abwechselnd. Dabei ging es aber nicht nur wie heute um das Abschieben der Kinder, damit man sich selber im Beruf zu verwirklichen kann, sondern auch um Sozialutopie und Sommerhill’sche Theorien über anti-autoritäre Methoden, die einen neuen Menschenschlag produzieren sollten. Experimental-Laborkäs​ten für antiautoritäre Ideologie-Gemische.

D​as war insofern etwas schwierig, als nicht alle Eltern die Mühen echt antiautoriäter Erziehung auf sich nahmen und die ein, zwei gewaltfreudigen „Goofen“ einfach nie im Zaum gehalten werden konnten: Der eine würgte gern, und so floss zwischen Rotz und Blut der Traum eines besseren Menschen aus unseren Nasen, während es Nachsitzen gab – für die Eltern des Quer-Schlägers.

Bis neun lebte ich als analphabetisches Tier in der Urkrippe aller Krippen in Zollikon, dann im ersten freien Kindergarten am Wasser und schliesslich in der ersten Freien Volksschule Trichtenhausenmühle, wo vor allem unsere Eltern in endlosen Sitzungen in die Schule gingen und Beschlüsse für Freischwimmen und Freiklettern fassten. Doch das Diskutieren steckte an. Verzweifelt suchte ich in einem Kellereingang einem hübschen Mädchen zu beweisen, dass es keinen Gott gibt. Vielleicht fehlten mir die richtigen Argumente, vielleicht auch besass sie ganz einfach ein anderes Genie – denn bald versanken wir ineinander, schnüffelnd in Betten, das Gesicht vergraben bei den üblichen Doktorspielen.

Beim Indianerlis wollten eigentlich alle gefesselt werden, als Opfer der bösen Weissen. Das Skalp hinhalten, immer und immer wieder. Auch Räuber und Polis wollte nicht so recht funktionieren, es fanden sich kaum Ordnungshüter. Dafür schwärmten wir in den Fluss und Wald hinaus, unter Wasserfällen und in Fuchsbauten wurden wir schlauer, als es später die Volksschullehrer erlaubten. Aber wir entwickelten auch ein gigantisches Über-Ich: Wir mussten nie etwas. Und so begann sich eine strafende Instanz jenseits des Realen aufzubauen, die uns Strukturen gab. Das ist das Paradoxe an diesen Schulversuchen, dass die meisten Kinder kreuzbrav, fleissig und pingelig wurden, als wären sie in den 1950er Jahren aufgewachsen.

Analpha​betische Tiere blieben nur die in meiner Klasse, denn unsere Lehrerin war Biologie-Studentin und hantierte lieber mit Dampfkochtöpfen und Reagenzgläsern. Lesen lernte ich erst nach dem Wechsel in dritte Klasse der Volksschule, weil das Verbotene lockte: Donald Duck und Mickey Mouse. Eine weitsichtige Patin sorgte mit einem Frei-Abo dafür, dass das amerikanische Imperium in meinen Kopf eindrang.

Eine Schule ohne Noten – gewiss, dort lernten wir das Lernen als Spiel. Aber wie erlösend waren dann die Noten in der normalen Schule. Denn vorher waren die paar reichen Kinder mit Schwimmbädern und Ferienhäusern kleine Könige; nun aber konnte man ihnen etwas entgegenhalten, die besseren Noten oder zur Not konnte man ihnen auch in den Arm beissen, bis das Blut aus dem Kind einer Migros-Chefin floss. Die normale Volksschule war ein reiner Segen. Man musste nun nicht mehr vor den Kinder reicher Salonkommunisten mit cinematographischen Ambitionen oder einem Rechtsanwalt kuschen, der gerne Kefir-Masken auftrug und sich von den Hippiefrauen massieren liess, sondern fühlte sich gleichberechtigt – fast.

Denn am Zürichberg war ich neben einem Waisenknaben der einzige, der „keinen Vater“ hatte. Allein mit der Mutter lebte. Natürlich verstand ich das, aber es machte doch eine wandelnde Wunde aus mir, die allen Angriffen der gutbürgerlichen Kinder zunächst ungeschützt ausgesetzt war; 68er, das war hier eine zum Witzblatt vergilbte Wandzeitung, zumal das Kind ja noch nicht mal lesen konnte. So blieb nur die rasche Flucht in intellektuelle Überlegenheit, in Sprachräusche, um es „denen“ zu zeigen, sie mit guten Noten endlich zum Schweigen zu bringen, ihr Sonntag für Sonntag schön gerahmtes Familienbild zu zerschlagen und die Verlogenheit und Heuchelei ihrer Eltern anzuklagen.

 

Vaterlo​s

 

Weinen könnte man, ungehemmt weinen, wenn man die alten Photos betrachtet, wo sich die Züge der Eltern immer tiefer und härter in die Gesichter einschreiben, die eckige, schwarze Brille des Vaters über schmalen Lippen, die das Küssen als Parole und Programm verstand und nicht als sehnende Suche nach Geborgenheit in der Mundhöhle des anderen, wo die Zunge auch immer nur nach dem erlösenden Wort tastet, nach vielverrätselter Poesie, nach einer neuen Sprache der Liebe.

Weinen könnte man, wenn man die eigenen Kinderphotos sieht, in Kirschbäumen baumelnd, die vor der freien Volksschule blühten, am Tresen der Malatesta hängend und hoffend, dass Italien die Deutschen im Fussball besiegt, der FCZ den Klassenfeind GC schlägt. Die Freunde der Eltern kickten in der alternativen Liga – ohne Schiedsrichter und Tabelle, aber dafür mit Sitzstreicks. TV war ohnehin nur erlaubt, wenn Paul Breitner und Günther Netzer spielten oder Muhamed Ali boxte, vielleicht noch, wenn Roland Colombin über die Kamelbuckel knallte.

Weinen aber könnte man auch, wenn man sieht, wie verloren wir hofften, die Eltern könnten zusammenbleiben, aber ihre Begleiter auf den Photos wechseln schneller als die Erinnerung es gespeichert hat. Natürlich lernten wir so immer wieder neue Väter kennen, neue Mütter auch, nie nur eine Biographie, sondern ein vielfältiges Spiel. Das sorgte für Freiräume, doch soviel Freiraum war oft mit dem Zwang zur Selbstbestimmung verbunden, mit Überforderung. Der Schrecken der absoluten Freiheit – den lernten wir nicht erst an der Uni bei der Hegel-Lektüre kennen, sondern mit dem Sirupglas in der Hand, den dünnen Strohhalm im Mund geknickt.

Es lebt heute eine Generation, die wie ich immer neue Väter hatte. Mal den Vater, mal jenen. Die Sehnsucht nach d e m  Vater verloren wir ganz von selbst in autonomen Kindergärten und bei Geburtstagsfesten, wo nur Mütter anwesend waren, da die Väter an Parteisitzungen sassen - oder mit anderen Müttern im Bett lagen. Diese Vaterlosigkeit hatte freilich auch den Vorteil viele Väter zu kennen und – keinem zu glauben.

Die Grösse der Schuhe vor der Wohnungstür deutet immer schon an, welcher Vater gerade zu Hause bei der Mutter war. Mal die Schuhe, mal jene. Die schweren Bergschuhe etwa, stets ganz in Schwarz, sie kündigten an, dass gerade der „Künstler“ auf Besuch war, der sich immer schnell verabschiedete, weil er zurück ins Atelier musste, um „an meinem Denkmal“ zu arbeiten. Er gab sich als Boxerprolet – während er fünfgängige Menüs am Muttertisch genoss. Als sie ihm dann einmal die roten Spaghetti auf Zeitungspapier servierte, haute er ab – und hinterliess einen tiefen Riss in seinem Denkmal. Ja, für falsche Ambitionen wurde man früh empfindlich.

Wir konsumierten Väter im Multipack: Mit dem einen ging man boxen oder Fussball spielen, mit dem anderen bastelte man Dagobert Ducks Geldspeicher aus Entenhausen, klebte die Kühe von Oma Duck falzgenau zusammen – und mit dem eigenen ging man in die Ferien, wobei die Frau an seiner Seite rascher wechselte als die Namen auf der SP-Nationalratsliste,​ deren Werbung man bis spät nachts im Quartier in Briefkästen einwarf. So wurde das Vatertier nie zum Totemtier. Man musste ihn nicht selber morden, aber auch keinen Ersatzvater an seine Stelle setzen. Seine Stelle blieb leer.

Das hat seine guten Seiten, führte aber eben auch dazu, dass man sich schnell als Nischentier durchs Leben lügen lernte. Immer schön unauffällig am Rand – ohne je die Konfrontation zu wagen. Dabei wäre genug Wut da: Es gab nichts Schlimmeres als die Parteiversammlungen. Als quengelnder Quälgeist hing ich nicht an den Rockschössen der Mutter, sondern an der Joppe des Vaters. Völlig zertrümmert vom Rauch und den berauschten roten Risotti mit diesen Dichterlesungen, die mir bis heute ein Graus sind – immer gab es noch ein Traktandenpunkt, der besprochen werden musste, dabei lockte doch draussen der See und die Welt der Wellen.

Dann, wenn man an den Rockschössen wieder weitergezogen wurde und nochmals weiter, dann gab es nur noch die Flucht in die Krankheit, ins Asthma. Dann ging uns der Atem aus, wir sagten: Nein. Oder keuchten es zumindest. Wie bei jenem Schläger-Kind, bei dem ich mich immer gleich auf den Boden warf und „aufgab“, war das Aufgeben die einzige Methode, um zwischen all den Idealen wieder zu sich zu kommen. Endlich behütet zu Hause im Bett. Endlich einmal ganz Kind.

So sehr Kind, dass die Zeichnungen nicht mehr genial sein mussten, dass man sich nicht mehr von Kinderzeichnungspsych​ologen die Fingerschmierereien an der Garagentür in der Trichtenhausenmühle deuten lassen musste – wo dann so Sätze fielen wie: Ja, man sieht, dass hier in dieser Raketenspitze eine unverarbeitete Aggression sich eingenistet hat. Dieses ewige Verständnis des ganzen halbprofesionellen Psycho-Umfelds, diese Einsicht der Erwachsenen in unser Innerste war natürlich der reinste Terror. Deshalb vielleicht unsere Nähe zu Dada, Surrealismus und Boris Vian, wo man endlich wild Zeichen produzieren kann, die nicht immer gleich etwas bedeuten müssen, sondern so offen bleiben wie das Rätsel des eigenen Herzens.

 

Barbabapap​amamahaus

 

Im Museum Pompidou beim Besuch der Ausstellung „Les Années Pop“ geschah kürzlich das Unerwartete: Vor mir lag – mein eigenes Kinderzimmer: Der orange Plattenspieler, eine schlangeförmige Lampe, all die Möbel, die meine Kindheit ausgestattet haben, das Museum wurde zur Puppenstube. Blieb also von dem ganzen Theorie-Wust nur das Design übrig, nebst dem zerkratzen Tonband? Nur Cat Stevens und der Brion-Vega-TV in orange?

Die erste sexuelle Erregung nach der Latenzphase, an die ich mich erinnern kann, sie fand als eigentlicher Hohn auf die Weltsicht von damals – im Neumarkt 17 statt. Ein Design-Möbelgeschäft.​ Die Ecken alle gerundet, man konnte sich im Keller verlieren, zwischen weissen endlosen Wänden, über eine Hängekonstruktion, wo weit unten Wasser sich spiegelte. Gewiss, die Verkaufsdame war hübsch, aber die Erregung war wohl mehr eine ungestillte Sehnsucht nach gerundeter Geborgenheit: Nach dem Barbapapahaus. Dem Barbarbamamahaus.

Ja,​ die Barbabapapas, sie waren noch kein Konsumgut mit T-Shirts, halb-debilen TV-Folgen und Schulthek, sondern die grosse Projektionsfläche einer heilen Familie im Widerstand gegen Wohnsilos und gegen die ökologischen Schleifzüge der Trümmerkapitalisten. Zualleroberst natürlich die Liebe von Barbapapa zu Barbamama, die sich in herzförmigen Körperkonvulsionen ausdrückte; unerreicht von den eignen Eltern, aber in den ewig sich wandelnden Formen von Barbapapa erkannte man doch das eigene Schicksal, sich den Vater aus der Vielheit selbst zu formen; dann die nervige Barbarella, die den Oekotrip schon etwas überzog, so dass man sich mit Barbawumm ins Zottelige und Trottelige der Malkunst flüchtet.

Die eigenen Eltern und die Eltern der Freunde fanden sich zwischendurch immer wieder, manchmal wenigstens übers Kreuz. Aber es blieben zerbrechliche Strukturen. Man wünschte es sich ja so, dass sie zusammenbleiben könnten. Doch die Wunschfamilie war nicht die Zweierkiste, sondern die Rappelkiste grosser Gruppen. Etwa der Schauspieler der Aera Stein, die bei uns wohnten, mit Floh-Hund und Bierkisten.

Im Schauspielhaus bei den Proben im Beleuchtungsraum schon mit drei – der geborgenste Moment vielleicht etwas später ein Abend als Jutta Lampe und Bruno Ganz, die ganze Stein-Truppe in der rosa gestrichenen Wohnung meiner Mutter ein Fest feierte. Bruno Ganz stand immer am Kücheneingang, eine Vorliebe, die ich bis heute habe, als ewiges Aeffchen, das den Glücksmoment ins Ewige ausweiten möchte. Das politische Reden wurde hier zum Murmeln der Wellen. Das Zimmer zur Insel, umrauscht von einer gemeinschaftlichen Aufbruchsbrise.

 

Geg​enwelt: Luxus-Triebe

 

Eines Abends 1979 lag ich mit meinem Vater im Bett. In jenem Bett, aus dem ich mich mit meiner Mutter vor langer Zeit vertrieben wusste. Aber jetzt war meine Mutter am Fernsehen und griff Regierungsrat Alfred Gilgen an. Telearena hiess die Sendung. Und sie war ein vorletztes Mal noch live. Irgendein Techniker hatte am anarchistischen Widerspruchsgeist meiner Mutter offenbar einen Narren gefressen und schaltete das Mikrophon über ihr nicht ab. Und so fiel sie immer und immer wieder Gilgen ins Wort, liess keine seiner Ausflüchte über das Schulwesen zu. Unglaublich peinlich war uns das. Mein Vater und ich, wir krochen unter die Decke, wollten diesen verzweifelt einsamen Aufstand der Mutter nicht sehen. Diese radikale Selbstopferung für eine Idee, an die ja doch niemand recht glaubte, ausser sie vielleicht – als dann die NZZ auf der Titelseite für einmal nicht den Anfängen wehrte, sondern die „junge Frau“ noch lobte, kurz vor Ausbruch der Jugendunruhen, da war dann mein Vater doch stolz auf sie – als die Bewegten sie zu weiteren Aktionen am TV auffordert, da winkte sie ab. Es war der letzte Ausbruch einer Dauererregung des Politischen.

Nun ging es nur noch um Poesie. Weichspüler war ein Blumengeschöft am Hottingerplatz. Dort fand die zweite Revolution ab. Bei Manfred Lacher galt nur das Schöne und Überflüssige, sowie die sexuelle Revolte in jeder Minute. So wurden die Schwulen für mich zu denjenigen, die auf ihre Weise die Sehnsucht der Eltern nach offenen und hoffenden Herzen übernahm und statt die gesamte Gesellschaft immer nur die allernächste Umgebung verändern wollten – und konnten. Jeden Nachmittag nach der Schule lockten schwuler Kitsch und Chansons. Das einzige was zählte, war die reine Schönheit der Pflanzen – und so wie sie sich mit ihren Blüten die Geschlechtsorgane entgegenstülpen ging es auch sonst nur um das Triebhafte und orchideenhafte Zwitterwelten. Im Biodynamischen Restaurant exzessiv Süsses bestellen und grüngesichtige Körnchen-Heteros anmachen, so wurde jeder Tag ein Happening.

 

Übergros​sväter

 

Da wir keine funktionierenden Väter hatte und keine Ueberväter, da wir nie an Adolf Muschg glaubten und auch nie Otto F. Walters Prosa ertrugen, suchten wir uns Übergrossväter. Bis 1972 war ich als Kind jeden Sonntagmorgen im ersten Stock des Odeons zwischen den Ethnologen und Psychoanalytikern Paul Parin und Fritz Morgenthaler – später zog man in Beizen und in die Praxis um. Dort dann am Abend, ja bis in die Nacht hinein, so lange, dass der Montagmorgen in der Schule immer ausfiel oder ausnahmsweise der Klassenfeind Coca-Cola in der Pause erlaubt war.

Natürlich musste meine Mutter wieder ein Krankheitszeugnis schreiben, denn wie wollte ich aufstehen, am Montagmorgen, von Träumen umwiegt, die mich hinaustrugen in eine ungefähre Zukunft, in Bilder durchzogen von den Gesichtern und Gesten all der Leute, die ich jeweils am Sonntagabend, beobachten konnte, am Boden sitzend, im weichen Fell des Teppichs. Es waren weniger Leute als schöne Paviane auf den Stühlen und dem Sofa wie auf dem Felsen im Zoo. Sie lausten sich Geschichten aus dem Haar, sie gruppierten sich gegen Ungerechtigkeiten und liessen sich von der Sonne der herrschenden Ideen nicht blenden.

Fritz Morgenthaler mit seiner weissen Mähne sass da, still meist, doch wenn er ein Wort, eine Deutung einwarf, nahm das Gespräch eine neue Abzweigung, es war ein Fluss durch das Zweistromland von Paul Parin und Goldy Mathey. Zwei Ströme, die nebeneinander, ineinander flossen: Erzählte Paul ein Geschichte vom Aeffchen, schob Goldy einen Nebensatz ein und mir eine Schokomandel in den Mund, bevor Paul den Satz zu Ende führte und überführte in eine Analyse der Jugendbewegung. Eine Jugend, die ebenfalls am Boden herumsass, Marco, Jan, Till, und zu der ich als Kind nicht gehörte. Platz fand ich aber in imaginären Jeeps, die mit Parin zu den Dogons fuhren, in einen fernen unbekannten Kontinent.

Diese Abende waren ein Vorschau aufs Leben, auf ein Leben voller Abenteuer, und so saugte ich die prickelnden Geschichten mit einem Schweppes auf, das stets in der Küche wartete, vor einer Wand, die eine ganze Epoche in Form von Fotos versammelte und mich träumend in den vergilbten Zonen versinken liessen. Es war eine Vorschau darauf, wie ein bewusster, politischer Mensch sein Leben führen kann, trotz allem. Jonglierend wie Fritz, wenn er mir Keulen zuwarf auf der Terrasse. Egal, wenn eine Keule runterfällt, was zählt ist der Versuch, die Gedanken in wirbelnder Schwebe zu halten, auch nur für einen Augenblick. Für einen utopischen Ausblick im kleinen Kreis, während draussen die Wasserwerfer kreisen.

Alte Spanienkämpfer – das war nun das unerreichbare Ziel. Ein politischer Kampf, wo es nicht um das Ego auf der Nationalratsliste ging. Aber zugleich auch das Bewusstsein, dass diese Welt versunken war. Eines Abends am Bellevue, da schossen Paul Parin und mein Vater zusammen einen Donald Duck für mich. Der alte Jäger und Widerstandskämpfer und mein Vater, der für seinen Kampf in der Partei sein Kind oft aus den Augen verlor und nur in seinen Armen trug, als ich als Extremvariante des Asthmas Knochenmark-Entzündun​g hatte, sie schossen gemeinsam einen kleinen Stoffbruder für mich, den ich dann immer umklammerte, wenn ich einsam und vaterlos nicht einschlafen konnte, der weiche Traum einer Politik ganz in Plüsch.

Beim Schreiben dieser Zeilen überfiel mich ein Asthmakrampf wie nie mehr seit dreissig Jahren. Denn es dreht einem die Kehle zu, wenn man diese gewaltigen Zeiträume übersieht, die untergingen und nicht viel mehr hinterlassen haben als angenehme Strukturen für uns hedonistische Erben sowie eine technokratische und marktliberale Linke für Spassspiesser. Auf der Suche nach Photos dann stand ich im Atelier eines Photographen, dessen Sohn gerade bei ihm einzog und aus Protest gegen die Entmöglichungsstruktu​ren in der Werbung gekündigt hatte. Ich sah die Fotos von Grillpartys der 68er mit uns Kindern durch, da klingelt mein Telephon, mein Vater war dran. So nah sind wir uns noch, unseren Vätern – so eng verstrickt. Wir wollten so gern, dass sie Helden sind. Und im Vergleich zu uns waren sie es vielleicht auch. Zusammen mit unseren Müttern, von denen sie räumlich getrennt leben mögen, doch in unseren Köpfen lehnen sie sich noch immer gemeinsam gegen die Zumutungen einer Welt auf, die uns so klein zugerichtet hat, dass – man weinen könnte.


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