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Gesundheitswesen
Abstimmung 18. Mai 2014: Bundesbeschluss über die medizinische Grundversorgung

Die Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“ wollte die Zukunft der Hausärzte in der ganzen Schweiz sicherstellen. Die Initianten zogen die Initiative zu Gunsten des direkten Gegenvorschlags zurück. Er garantiere eine angemessene medizinische Grundversorgung von hoher Qualität, die allen zugänglich ist. Der Bundesrat betont, dass die Vorlage keine einzelne Berufsgruppe in den Vordergrund stellt. Über den direkten Gegenvorschlag wird nun abgestimmt.

Ausgangslage

Die Schweiz verfügt über eine relativ gute Ärztedichte, dennoch hat es in ländlichen Regionen teilweise einen Mangel an Hausärzten.

Die Hausärztinnen und Hausärzte in der Schweiz sorgen sich um die Zukunft ihres Berufes und warnen vor einem Fachkräftemangel: während es in Zukunft weniger Hausärzte geben wird, steigt deren Bedarf an. Zum einen werden in den nächsten zehn Jahren viele Hausärzte in Pension gehen. Zudem werden junge Ärzte seltener Hausärzte, weil es für sie attraktivere Arbeitsmöglichkeiten gibt. Zum andern werden die Leute in der Schweiz immer älter, weshalb es in Zukunft mehr Hausärzte brauchen wird als heute.

Der vorliegende Gegenvorschlag berücksichtigt nicht nur die Situation der Hausärzte. Vielmehr sieht der Bundesrat das Problem darin, dass die Schweiz generell zu wenige Gesundheitsfachpersonen selber ausbildet und berücksichtigt diese Gesamtsituation mit dem direkten Gegenvorschlag.

Was wird geändert?

Die Vorlage sieht Änderungen in verschiedenen Bereichen vor. Zum einen wird die Verfassung geändert, zum andern gibt es verschiedene Massnahmen, die kurz- und mittelfristig helfen sollen, die Bevölkerung angemessen gesundheitlich zu versorgen.

Verfassungsänderung

Die medizinische Grundversorgung wird Teil der Bundesverfassung. Die Grundversorgung soll von hoher Qualität und für alle Leute zugänglich sein. Bund und Kantone sollen Hausärzte als wesentlichen Bestandteil der Grundversorgung anerkennen und sie entsprechend fördern. Die Zuständigkeiten ändern sich für Bund und Kantone nicht. Sie sind aber dazu aufgefordert, entsprechende Massnahmen zu ergreifen, um die medizinische Grundversorgung in der Schweiz sicherzustellen. Weil diese für alle zugänglich sein soll, muss es auch für Leute in ländlichen Gebieten die Möglichkeit geben, ohne lange Reisezeiten zum Hausarzt zu gehen.

Verschiedene Massnahmen

Neben der Änderung der Verfassung sind Massnahmen geplant, welche die Aus- und Weiterbildung von Hausärzten verbessern sollen. Beispielsweise soll die universitäre Lehre in der Grundversorgung ausgebaut werden. Dies würde die Einführung von Pflichtmodulen in Hausarztmedizin für alle Studierenden bedeuten.

Weitere Massnahmen sollen die Hausärzte beim Ausüben ihres Berufes unterstützen. Diese umfassen u.a. die Forderung, dass keine weiteren Zulassungsbeschränkungen für Hausärzte eingeführt werden. Auch soll es möglich sein, alle notwendigen Zertifikate während der Weiterbildung erwerben zu können. Ausserdem soll der Notfall-, Wochenend- und Nachtdienst erleichtert werden. Die Praxisnachfolge soll dadurch vereinfacht werden, dass die Praxis neu auch als Aktiengesellschaft geführt werden kann.

Der Bund soll zudem die Leistungen der Hausärzte angemessen abgelten: der Ärztetarif Tarmed wird angepasst, weshalb Hausärzte mit rund 200 Mio. CHF. mehr entschädigt werden. Diese Änderung geht auf Kosten von Spezialisten und Spitälern.

Gewisse Anliegen der Initiative wurden bereits mit Massnahmen umgesetzt. So gibt es nun beispielsweise einen speziellen Weiterbildungstitel "Allgemeine Innere Medizin“, welcher eine angemessene Weiterbildung für Hausärzte garantieren soll.

Argumente dafür

Der Berufsstand Hausarzt werde gestärkt und attraktiver durch die Verankerung der medizinischen Gesundheitsversorgung in der Verfassung. Ein Eckstein ist die vernetzte medizinische Grundversorgung. Darin spielt die Hausarztmedizin eine zentrale Rolle. Der direkte Gegenentwurf gebe somit eine umfassende und gezielte Antwort auf die Anliegen der Fachkräfte im Gesundheitsbereich.

Bestehende Zuständigkeiten im Bereich der Aus- und Weiterbildung sowie der Berufsausübung würden vervollständigt, ohne sie neu zwischen Bund und Kantonen zu verteilen.

Mittel- bis langfristig gibt es eine bessere medizinische Leistung, da die Vorlage die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Berufszweigen stärke.

Bei einer Annahme der Initiative entstünden, abgesehen von administrativen Kosten, auf Bundesebene keine weiteren Kosten.

Argumente dagegen

Die Vorlage sei ein Schritt zur staatlich organisierten Medizin. Denn sie erteile dem Staat den Auftrag, für eine adäquate Versorgung durch Hausärzte zu sorgen. Dies sei nicht seine Aufgabe.

Versorgungsmodelle in der Verfassung zu verankern und damit auf sehr lange Zeiten festzulegen sei heikel. Versorgungsmodelle seien abhängig vom Zeitgeist und von den Bedürfnissen der Bevölkerung. Flexibilität sei wichtig.

Zur Förderung eines einzelnen Berufszweigs solle ein ganzer Berufsstand in der Verfassung verankert werden. Dies sei fragwürdig.

Die berechtigten Anliegen der Hausärzte sollten möglichst pragmatisch, rasch und ausserhalb eines Verfassungsartikels umgesetzt werden. Dies werde bereits getan, etwa mit der Teilrevision von Tarmed.


Literaturverzeichnis [ ein-/ausblenden ]


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Zusammenfassung

Ziel der Vorlage

Der di­rekte Ge­gen­ent­wurf will das Ge­sund­heits­sys­tem stär­ken und wei­ter­ent­wi­ckeln, um in Zu­kunft eine gute Grund­ver­sor­gung für alle zu ermöglichen.

Wichtigste Änderungen

Bund und Kan­tone sol­len die Grund­ver­sor­gung för­dern. Sie an­er­ken­nen Hausärzte als wich­ti­gen Teil der me­di­zi­ni­schen Grund­ver­sor­gung an. Der Bund re­gelt die Aus- und Wei­ter­bil­dung in me­di­zi­ni­schen Be­ru­fen, die für die Grund­ver­sor­gung wich­tig sind.

Argumente dafür

  • Die me­di­zi­ni­sche Ge­sund­heits­ver­sor­gung wird in der Ver­fas­sung ver­an­kert. Die Haus­arzt­me­di­zin sei zen­tral, wo­durch der Be­rufs­stand ge­stärkt wer­de. Die Vor­lage berück­sich­tigt An­lie­gen der Fach­kräfte und der Be­völ­ke­rung im Gesundheitsbereich.
  • Die Auf­ga­ben des Bun­des bei der Aus- und Wei­ter­bil­dung und in der Be­rufs­ausü­bung wer­den vervollständigt.
  • Die me­di­zi­ni­sche Leis­tung wird bes­ser. Denn die Vor­lage stärkt die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den ein­zel­nen Berufszweigen.

Argumente dagegen

  • Dem Staat wird die Auf­gabe ge­ge­ben, für eine an­ge­mes­sene Ver­sor­gung durch Hausärzte zu sor­gen. Dies sei der erste Schritt in Rich­tung einer staat­lich or­ga­ni­sier­ten Medizin.
  • Versorgungsmodelle sol­len nicht in der Ver­fas­sung fest­ge­legt wer­den. Weil die Be­dürf­nisse schnell än­dern kön­nen, sei dies unangebracht.
  • Die Verfassung be­vor­teile ein­sei­tig einen ein­zel­nen Be­rufs­zweig. Dies sei fragwürdig.
Einfach erklärt

Tarmed

Tarmed ist ein Ein­zel­leis­tungs­ta­rif, der seit 2004 für sämt­li­che in der Schweiz er­brach­ten am­bu­lan­ten ärzt­li­chen Leis­tun­gen im Spi­tal und in der freien Pra­xis gilt.

Tarmed er­setzte ins­be­son­dere die bis­he­ri­gen kan­to­nal un­ter­schied­li­chen Arzt­ta­rife durch eine ge­samtschwei­ze­risch ein­heit­li­che Struk­tur. Diese er­laubt eine grös­sere Trans­pa­renz und eine bes­sere Ver­gleich­bar­keit.

Der Arzt­ta­rif ist ein Pro­jekt der Ver­bin­dung der Schwei­zer Ärz­tin­nen und Ärzte (FM­H), der Schwei­zer Kran­ken­ver­si­che­rer (santé­suis­se), der Spitä­ler der Schweiz (H+) sowie der in der Me­di­zi­nal­ta­rif­kom­mis­sion (MTK) der Suva ver­tre­te­nen Eid­genös­si­schen So­zi­al­ver­si­che­rern (UV, MV, IV).

Aktuell ist eine Ge­sam­t­re­vi­sion durch die Ta­rif­part­ner vorgesehen.

Kommentare von Lesern zum Artikel

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- - sagte May 2014

"(…) Bund und Kantone sollen Hausärzte als wesentlichen Bestandteil der Grundversorgung anerkennen und sie entsprechend fördern. Die Zuständigkeiten ändern sich für Bund und Kantone nicht. (…)

Der "Hausarzt" war früher der freiberufliche Arzt, der Hausbesuche machte. Er kommt im Gesetzestext richtigerweise NICHT vor, weil es einen solchen Beruf bzw. eine so definierte Funktion nicht gibt. Gemeint sind Humanmediziner verschiedener Ausbildungsrichtung, freiberufliche oder angestellte, die für einen Patienten immer die selbe erste Anlaufstelle für die medizinische Grundversorgung bilden.

Noch weniger gibt es eine "Hausarztmedizin". Sie kommt leider im "Bundesbeschluss über die medizinische Grundversorgung" als "wesentlicher Bestandteil der Grundversorgung" wider Erwarten vor.

Der Gesetzestext spricht aber juristisch korrekt von der "medizinischen Grundversorgung". Diese kann umschrieben werden. Sie soll nun laut Volksabstimmungsresul​​​​​tat gestärkt werden, was sehr erwünscht ist.



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Georges Schneuwly sagte May 2014

Warum die Hausärzte stärken?
In Tat und Wahrheit verdienen die Hausärzte genug. Leider hat niemand den Mut die sogenannten Spezialisten Lohnmässig zurückzupfeifen. Und so geht man den Weg des geringsten Widerstandes. Man gibt den Hausärzten mehr Lohn und hofft damit, dass weniger Patienten an Spezialärzte weitervermittelt werden.
Das Ziel die Kosten des Gesundheitswesens in den Griff zu bekommen wird so sicher nicht erreicht. Vielleicht werden bald zwei Milliarden ausgegeben, damit die Krankenkassenprämien von vielen noch bezahlt werden können. D.h. statt dass man die Löhne der Spezialisten kürzt, verbilligt man mit Steuergeldern einfach die Prämien und es lebt sich gut damit im Gesundheitswesen. Ich als Landwirt bin für die Einführung von Direktzahlungen für die Ärzte, nur so hat man sie im Griff!


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(1 Stimme)
Peter Aebersold sagte April 2014

Der am 18. Mai allein zur Abstimmung kommende direkte Gegenvorschlag des Bundesrates zur Volksinitiative „Ja zur Hausarztmedizin“ ist eine Mogelpackung bei der die „medizinische Grundversorgung“ und nicht – wie in der Volksinitiative vorgesehen war - die Hausärzte gestärkt werden sollen. Bei der „medizinischen Grundversorgung“ handelt es sich um ein altes WHO-Modell, dass in den 1970er Jahren als kostengünstiger Basisgesundheitsdiens​t für Entwicklungsländer („Barfussärzte“-Model​l) propagiert wurde. Darin ist vorgesehen, dass anstelle des Hausarztes der Patient in erster Linie von billigeren Nichtärzten „behandelt“ werden soll. Das nach dem Vorbild von Mao’s „Barfussärzten“ konzipierte WHO-Modell führte in der Praxis zu einem unzureichend ausgestatteten öffentlichen Gesundheitswesen mit unmotivierten, überarbeiteten und schlechter qualifiziertem Personal sowie einem Privatsektor, der qualifizierte Leistungen nur gegen hohe Bezahlung bereitstellte. Unsachgemässe Behandlungen oder verzögerte Weiterweisungen führen laut Hinweisen der Schweizer Managed Care Hausärztenetzwerke aufgrund des vertraglich vereinbarten Spardruckes und der damit geleisteten Billigstmedizin letzten Endes zu höheren Gesamtkosten.


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