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Der Untergang der Buchhändler?

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Als ich auf Andreas von Gun­tens Blogbeitrag hin den NZZ-Artikel mit dem Titel «Das Buch ist keine Ware, son­dern ein Wert» sah, dachte ich mir: Oh nein, wel­chen Un­sinn erzählen die Ver­lage jetzt schon wie­der über die Buch­preis­bin­dung? Dann ging es auch di­rekt wei­ter mit der Schlies­sung des Tra­vel Book Shops. Ein tra­gi­scher Um­stand mit einem gros­sen Ver­lust an Know-How. Umso überraschter war ich, als Gi­sela Treich­ler zu Wort kommt und mit kei­nem Wort den Buch­preis erwähnt. Ihr gehört der erwähnte Shop und sie sieht sich als Opfer des «Strukturbereinigungs​prozesses». Die NZZ schreibt:

Da geht es ja auch um Bezugsvolumen bei den Verlagen, die von der eigenen Grösse abhängen, sodann um ein vielseitiges Sortiment auch mit Raritäten. Das Geschäft mit Landkarten rentiere schon lange nicht mehr. Auf Weltkrisen wie Sars oder die Vogelgrippe reagiere ihr Segment besonders empfindlich. Der Zerfall des Euro habe ihr zusätzlich zu schaffen gemacht.

In erster Linie geht es also um fehlende Nachfrage und äussere Faktoren, wovon auch andere Branchen betroffen sind. Bei jedem HaNb (a,b in N) wird Panik geschoben, die Leute wollen weniger reisen und folglich auch keine Reisebücher kaufen. Pech für die darauf spezialisierte Buchhändlerin. Mit dem Buchpreis hat die Schliessung des Buchladens aber nichts zu tun.

Doch leider wird am Ende des Artikels doch noch mit der Tränendrüsenkeule geschwungen. Ricco Bilger, selber Buchhändler, vertritt die Meinung, «eine kompetent geführte Buchhandlung mit einem gut sortierten Spezialsegment habe durchaus Chancen.» Er verzeichnete die letzten Monate sehr starke Umsätze und freut sich über eine junge Kundschaft. Trotz florierendem Geschäft beschwört er den Untergang des Buchhandels herauf, wie man am Beispiel England sehe. Dort gebe es nach 10 Jahren ohne Buchpreisbindung nur noch einen Fünftel der Buchhandlungen. Was an dieser Stelle etwas verdeckt wird: Auch in der Schweiz gibt es seit 5 Jahren keine diktierten Buchpreise mehr. Denn diese sind ein Kartell und Kartelle sind schlecht für die Konsumenten. Wir stimmen am 11. März also nicht darüber ab, ob wir die Buchpreisbindung behalten wollen sondern ob wir sie 5 Jahre nach deren Abschaffung wieder einführen wollen.

Bei seiner Argumentation begeht Herr Bilger ausserdem einen mathematischen Anfängerfehler: Man kann bei einer Implikation nicht auf das Gegenteil schliessen. Wenn in Grossbritannien ohne Buchpreisbindung viele Buchhandlungen schliessen heisst das natürlich keinesfalls, dass mit fixen Buchpreisen keine Buchhandlungen eingehen.

Wir befinden uns immer noch in einem fundamentalen Wandel der Gesellschaft. Leider findet Frau Treichler, dass E-Boks schön gebundene Bücher nicht ersetzen können und auch Herr Bilger sieht in E-Books höchstens eine vorübergehende Begeisterung. Die Buchindustrie begeht gerade denselben Fehler wie damals die Musik- und Filmindustrie: Sie will den natürlichen Lauf der Dinge durch Gesetze aufhalten. Eine gefährliche Entwicklung! Denn Amazon verkündete laut Spiegel schon Mitte 2010 den Sieg der E-Books:

Amazon habe in den letzten drei Monaten pro 100 Hardcover-Bücher 143 Kindle-E-Bücher verkauft. Das Verhältnis verschiebe sich immer weiter zugunsten digitaler Versionen: Im letzten Monat kamen auf 100 gebundene schon 180 digitale Bücher. In der ersten Hälfte 2010 habe Amazon drei Mal mehr E-Bücher verkauft als in der ersten Hälfte 2009. Der Kindle habe sich millionenfach verkauft. Kurz: Das elektronische Lesegerät ist ein Wahnsinnserfolg; Offline-Buchhandel, schnall' dich fest an!

Statt das Medium Internet für sich zu nutzen versucht die Buchindustrie zu retten, was vor 50 Jahren angesagt war. Warum nicht das alte mit dem neuen kombinieren? Oder wie es der Spiegel schreibt: Offline-Buchhandel, schall' dich fest an! Ich würde mich liebend gerne von Buchhändlern beraten lassen. Doch im Informationszeitalter​, wo Information immer wichtiger und das Trägermedium immer nebensächlicher wird, bin ich nicht bereit, dafür extra in eine Buchhandlung zu fahren. Eine übersichtliche Website ist doch nicht zuviel verlangt - da müssen auch gar nicht unbedingt E-Books angeboten werden. Ein Chat für Beratungsgespräche wäre auch schon was. So könnte ich eine Bestellung inklusive Verkaufsgespräch bequem von zu Hause aus abwickeln und gehe nicht vergebens in eine Buchhandlung.

Wer auf die Bedürfnisse der Kundschaft eingeht wird keine Probleme haben, weiter zu existieren - auch ohne Buchpreiszwang und ohne staatliche Rettungsversuche. Als​o denk daran: Sag am 11. März 2012 NEIN zur Buchpreisbindung. Für Innovation und Zeitgeist. Ich empfehle zu diesem Thema auch unseren neuen Podcast bei "parrot.fm » Im Fokus". In dieser Folge sagen viele Mitglieder des Komitees «NEIN zu teuren Büchern» ihre Meinung. Hör rein, es lohnt sich!


Kommentare von Lesern zum Artikel

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86%
(7 Stimmen)
Heinz Mahler sagte January 2012

Das was die Kartelltycoons in den USA durchdrücken wollen betrifft leider nicht nur die Medien, das wird sich dann auch auf alle Produkte anwenden lassen. Z.b. ich keine Ersatzteile für ein Fahrrad oder Auto von einem 3ten Hersteller mehr erhalte.
Monsanto wird dann wahrscheinlich auch einfach Landwirte in der Schweiz verklagen können wenn die einen Maiskolben von Gentechmais auf dem Feld gefunden haben.

Was CDs , DVD usw. betrifft, wenn der Produzent nicht will das diese verbreitet werden, soll er das doch im Bunker einschliessen. War heute wieder einmal im CD Laden der vermutlich bald schliessen wird, vor 20 Jahren war der Freitags noch mit musikfans vollgepackt, heute praktisch leer. Kein wunder wenn die Rechteinhaber nur überteuertes Material an den Mann bringen lassen will das zudem sehr schlecht ist. Für Durchschnittslärm auf CD gebrannt bezahle ich sicher nicht Fr. 30.- für Fr, 10.- hätte ich sie mit weiteren 3 vielleicht genommen. Die Musikindustrie macht sich das Geschäft selber kaput.


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60%
(15 Stimmen)
Urs Hagen sagte January 2012

Die Buchhändler glauben noch an den alten Mythos vom gedruckten Werk. Genau so wie viele die vor 20 Jahren das Internet als sinnloses Werbemittel, Verkauf über Internet als völlig unbrauchbar betitelt haben, werde sie vielleicht merken, dass heute Papier nicht mehr zu den Favoriten gehört, weil es zu langsam, zu teuer, zu umständlich ist. Genau so wie bei der Musik, LP, Kassetten, CD's gehören der Vergangenheit an. Die Jungen geben doch keine 25 Fr. für eine Scheibe aus, die Platz und ein spezielles Gerät brauchen. Sie wollen den Knopf drücken und die Musik tönt aus dem Handy, iPod oder woher auch immer. Am Schluss wenn man es nicht mehr braucht kann man einfach DELETE drücken. Diese Tatsache wird auch eine Preisbindung beim Buch nicht ändern können, denn auch bei dieser kann man DELETE drücken.


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65%
(17 Stimmen)
Heinz Mahler sagte January 2012

Das letzte Buch das ich bei Orel Füssli kaufte, erstaunte mich. Da stand tatsächlich drauf "Printed in China" . Viele Bücher werden in der Buchhandlung leider angeboten die echt nichts wert sind, besonders bei Kochbücher leicht feststellbar deren Rezepte so schwachsinnig sind wie die es bei Linux schon immer waren.
Für gute Qualität bin ich gerne bereit auch etwas zu bezahlen, doch leider wurde in den Medien und vor allem der Musikindustrie die Abzockerei zur Maxime.


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63%
(19 Stimmen)
Damaris Cynthia Bächi sagte January 2012

Besten Dank Herr Simonet für Ihren Beitrag. Ich schliesse mich Ihrer Meinung an. Der Konsument gibt den Ton der Zukunft an, nicht der Staat. Die Zeiten ändern sich, so auch das Angebot der Buchhandlungen. Wer nicht mitzieht, ist selber schuld...


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58%
(26 Stimmen)
Rolli Anderegg sagte January 2012

Danke Herr Simonet, Ihr Beitrag ist eine hervorragende Ergänzung zu meinem Beitrag zum Thema Buchpreisbindung:

http://www.vimentis.c​h/d/dialog/readarticl​e/der-leser-macht-ein​-buch-zum-kulturgut-u​nd-nicht-der-staat/


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