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Historischer Erdrutschsieg für Grünliberale und BDP

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Die Eidgenössischen Wahlen 2011 haben zu erd­rutschar­ti­gen (für Schwei­zer Verhältnisse) Ver­schie­bun­gen von his­to­ri­schem Aus­mass geführt. Noch nie in der Ge­schichte der Schwei­zer Pro­porz­wah­len (seit 1919) haben gleich zwei Par­teien der­art stark zu­ge­legt. Zudem waren die vier klas­si­schen Bun­des­rats­par­teie​n noch nie so schwach wie heute und noch nie war die Schwei­zer Par­tei­en­land­schaf​t so stark zer­split­tert wie heute.

Peter Schlemihls Politblog

Ein paar historische Vergleiche hierzu:

  1. Vor diesen Wahlen hatten in 92 Jahren Proporzwahlen erst 5 Mal Parteien 4% oder mehr auf einmal zugelegt. Erst einmal gewann eine Partei mehr als 5,4%. Die SVP hatte 1999 7,6% zugelegt. Diese Gewinne gingen aber damals in erster Linie auf Kosten von kleinen Rechtsaussenparteien (FPS, SD). Das rechtskonservative Lager gewann damals insgesamt nur rund 3%.
  2. Noch nie haben gleich 2 Parteien gleichzeitig derart stark zugelegt. Grünliberale und BDP gewinnen zusammen 9,4%.
  3. Noch nie hat eine Partei auf Anhieb 5,4% erreicht.
  4. Noch nie gab es 7 Parteien, die mit über 5% Wähleranteil.
  5. Noch nie hatten die 4 klassischen Bundesratsparteien gesamthaft einen derart tiefen Wähleranteil (72,7%). Die 4 grossen Parteien haben bei diesen Wahlen insgesamt rund 8% verloren.

GLP und BDP auf den Spuren von Landesring und Grünen?

Erst 2 Parteien (ausser den klassischen Bundesratsparteien) haben seit 1919 einen Wert von 5,4% erreicht oder überschritten. Der Landesring der Unabhängigen (LdU) erreichte während rund 40 Jahren Wähleranteile von rund 5% und erreichte im Jahr 1967 mit 9,1% seine Rekordmarke. Später waren es die Grünen die ab 1991 den Wert von 5% stetig überschritten. Die bisherige Rekordmarke erreichten die Grünen 2007 mit 9,6%. Allerdings war es bis auf einmal (1991) nie mehr als eine Partei, die neben den 4 grossen die 5%-Marke knackte. 1991 waren es mit den Grünen (6,1%) und der Autopartei (später Freiheitspartei/5,1%)​ allerdings Parteien aus komplett verschiedenen politischen Lagern, die dies erreichten. Die Freiheitspartei verschwand dann aber im Gegensatz zu den Grünen relativ rasch wieder von der Bildfläche, respektive wurde von der SVP einverleibt.

Andere Parteien, wie die Liberale Partei der Schweiz (LPS), die vor Kurzem mit der FDP fusionierte, erreichte während rund 80 Jahren nicht annähernd 5%. Das gleiche gilt für die EVP, die seit 1919 ununterbrochen antritt, die Demokraten wie auch für Schweizer Demokraten, Republikaner und die sonstigen Rechtsparteien neben der SVP. Auch von den Linksparteien erreichte einzig die PdA 1947 den Wert von 5,1%. Auch dies zeigt, dass die Wähleranteile von BDP und GLP aussergewöhnlich sind für die Schweiz.

 

Starke Zerplitterung

Heute haben wir die zudem erstmalige Situation, dass gleich 7 Parteien über 5% liegen. Wie die obige Grafik zeigt, waren die sonstigen Parteien mit über 5% Wähleranteil noch nie auch nur annähernd so stark wie heute. Kommt hinzu, dass die traditionellen grossen Parteien noch nie so schwach waren wie heute. Der Wähleranteil von Grünen, GLP und BDP übersteigt mit 19,2% diejenigen von FDP und CVP deutlich und sogar denjenigen der SP knapp. Das gab es in der Geschichte der Schweiz noch nie. Mit anderen Worten: Die Parteilandschaft war noch nie so zersplittert wie heute. Das hat auch Auswirkungen auf die Bundesratswahlen. Die wird Mühe haben ihren zweiten Sitz gegenüber den neuen Mitteparteien zu rechtfertigen.

 

Ma​ssive Verschiebungen in den Kantonen

Wie massiv die Gewinne von GLP und BDP waren und zu was für massiven Veränderungen es kam, zeigt ein Blick in die einzelnen Kantone.  Am stärksten waren die Verschiebungen in den Kantonen Graubünden und Bern. Hier gewannen die beiden Parteien auf Anhieb zusammen fast 29% respektive über 20%. Aber auch im Kanton Zürich legten GLP und BDP zusammen rund 10% zu.

 

Grünliberal​e überflügeln Grüne in Zürich deutlich

Die Grünliberalen traten in 14 Kantonen zu den Nationalratswahlen an. In Zürich schnitten sie erwartungsgemäss am besten ab. Hier legten sie um 4,5% auf 11,5% zu und überflügelten damit die Zürcher Grünen (8,4%), von denen sie sich ursprünglich abgespalten hatten, um über drei Prozent. Damit liegt die GLP nur noch äusserst knapp hinter dem ehemals so starken Zürcher Freisinn, der auf 11,6% kommt.

Es fällt auf, dass die Grünliberalen in allen Kantonen, in denen sie angetreten sind, konstant gute Ergebnisse erzielt haben. Mit Ausnahme der Kantone Genf und Fribourg erzielten sie in allen Kantonen Ergebnisse von mindestens 5%. Mit ihrem Sitzgewinn und den 5,1% Wähleranteilen im grössten französischen Kanton Waadt haben die Grünliberalen auch den Sprung über den Röstigraben geschafft. Von den 12 gewählten Nationalräten kommen damit 8 nicht aus dem Kanton Zürich und die GLP hat den Schritt zu einer gesamtschweizerischen​ Partei geschafft.

 

BDP: Sitzgewinne in SVP-Hochburgen Zürich und Aargau

Etwas grösser sind die Differenzen bei der BDP. In ihrem Stammkantonen Graubünden und Bern hat sie erwartungsgemäss am besten abgeschnitten. Im dritten Stammkanton Glarus hat sie sich bei den Majorzwahlen diskussionslos durchgesetzt. Aber auch in den Kantonen Zürich, Aargau, Basel-Landschaft und Thurgau hat die BDP entgegen vielen Prognosen die 5%-Hürde geknackt. Immerhin 3 Nationalräte der BDP kommen nicht aus den Stammkantonen. Damit wurden alle Lügen gestraft, die behauptet hatten, die BDP können nur in ihren Stammlanden zuschlagen. Etwas schwerer tut sich die BDP noch in der Romandie.

Mit diesen massiven Gewinnen haben die Grünliberalen und die BDP die Parteilandschaft in noch dagewesenem Ausmass verändert. Die Zukunft wird zeigen, ob sich die beiden Parteien langfristig beweisen können. Die Vorzeichen stehen gut.


Kommentare von Lesern zum Artikel

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46%
(24 Stimmen)
Dieter E.U. Lohmann sagte November 2011

Diese historischen Gewinne haben auch Auswirkungen auf die Ausgangslage bei den Bundesratswahlen:

​Noch nie war das Lager rechts der Mitte derart schwach! Dass FDP und SVP zusammen 4 BR-Sitze fordern ist lächerlich! Sie müssen sich zusammen auf drei Sitze einigen.

Bedenkt man, dass die SVP keine wirklich brauchbaren Kandidaten präsentieren kann, sollte man sich im Interesse der Schwweiz darauf einigen, dass alles beim Alten bleibt!!!


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43%
(23 Stimmen)
Peter Schlemihl Wrobel sagte November 2011

Ergänzend ist noch zu erwähnen, dass es sich bei den beiden Siegerparteien um lösungsorientierte Kräfte handelt.

Im Gegenzug ist die grosse Verliererin der Wahlen, die SVP, eine Partei, die kaum etwas zu zukunftsorientierten Lösungen beigetragen hat!

Auch diesbezüglich eine äusserst positive Entwicklung!


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52%
(23 Stimmen)
Fritz Kröger sagte November 2011

Na, das haben sich die grossen Parteien wohl etwas anders vorgestellt. Insbesondere die arrogante SVP hat eine böse Schlappe kassiert!

Es ist vorteilhaft, dass BDP und GLP die Schweizer Politlandschaft etwas aufmischen. Insbesondere ist es positiv, dass wir zwei neue Parteien haben, die noch frei entscheiden können. Ganz im Gegensatz zu den Lobby-Parteien SVP und FDP, die in erster Linie die Interessen der Unternehmen oder Branchen, die sie vertreten berücksichtigen und nicht das Interesse des Landes!


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52%
(23 Stimmen)
Oskar Matzerath sagte November 2011

Viele selbsternannten Experten hatten behauptet die BDP würde nur in ihren Stammkantonen Sitze holen. Da haben sie sich gewaltig getäuscht. In der SVP-Hochburg holt die BDP zwei Sitze, einen davon auf Kosten der SVP!

Die Grünliberalen haben in allen Kantonen ausgezeichnete Ergebnisse erzielt. Diese Partei hat Zukunft!


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46%
(26 Stimmen)
Dieter E.U. Lohmann sagte November 2011

Die Verlierer-Parteien der Wahlen 2011 versuchen die Gewinne von BDP und Grünliberalen klein zu reden.

Diese Fakten zeigen aber sehr schön, dass es sich um historische Verschiebungen handelt. Ich wage mal zu behaupten, dass die Wahlen 2011 unser Parteiensystem nachhaltig verändern könnten.

Insbesond​ere die Grünliberalen vertreten eine völlig neue Konstellation (wirtschaftsliberal, gesellschaftsliberal,​ grün), die es bis anhin nicht gab.


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