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Der Handel

Viele Güter, die wir tagtäglich konsumieren, werden nicht in der Schweiz hergestellt, sondern stammen aus dem Ausland. Die Schweiz betreibt internationalen Handel, weil die Bevölkerung dadurch von einer grösseren Menge sowie einer grösseren Vielfalt an Gütern profitieren kann.

Im vorliegenden Text erläutern wir anhand von zwei Beispielen, warum Handel den Wohlstand erhöhen kann. Wir diskutieren darüber hinaus mögliche Verteilungsprobleme des Handelsgewinnes sowie etwaige Nachteile, die durch Handel entstehen können.

Die Situation ohne Handel

Wir beginnen mit einem einfachen Beispiel, um zu verstehen, wie Handel für alle Beteiligten profitabel sein kann. Angenommen die zwei benachbarten Bauern Meier und Schmid produzieren sowohl Äpfel als auch Milch. Beide tun dies für den eigenen Verbrauch. Das heisst, sie verkaufen und handeln zu-nächst nicht. Beide Landwirte können mehr oder weniger von beiden Gütern herstellen, je nachdem wie viel Zeit sie darauf verwenden. In Tabelle 1 sehen wir, wie viel die beiden maximal herstellen können.


Bauer Meier Bauer Schmid
Äpfel (kg) Milch (Liter) Äpfel (kg) Milch (Liter)
0 5 0 20
1 4 2 16
2 3 4 12
3 2 6 8
4 1 8 4
5 0 10 0

Tabelle 1: Individuelle Produktion ohne Handel

Bauer Meier kann maximal fünf Liter Milch herstellen, wenn er sich vollständig darauf spezialisiert. Das heisst, er produziert nur Milch, aber keine Äpfel. Je mehr Äpfel er jedoch herstellen will, desto weniger Zeit bleibt ihm für die Milchherstellung. Verwendet er seine gesamte Zeit für die Produktion von Äpfeln, so kann er maximal 5kg Äpfel herstellen. Die Tabelle zeigt uns auch, wie viel Bauer Schmid herstellen kann. Wir sehen, dass er grössere Mengen von beiden Gütern herstellen kann. Dies mag daran liegen, dass er einen grösseren Bauernhof hat oder bessere Maschinen besitzt.

Ohne Handel würden beide Landwirte einen Mix aus Äpfeln und Milch herstellen, da sie beide Güter konsumieren möchten. Wir nehmen an, dass Bauer Meier sich entscheidet, zwei Liter Milch und 3kg Äpfel herzustellen und zu konsumieren. Sein Nachbar produziert acht Liter Milch und 6kg Äpfel. In der Tabelle ist dies rot markiert. Zusammen stellen die Bauern folglich 9kg Äpfel und zehn Liter Milch her.

Wie wir im folgenden Textabschnitt aufzeigen, können sich beide jedoch besser stellen, wenn sie miteinander handeln.

Vorteile durch Handel

Die Zahlen in der Tabelle zeigen nicht nur, wie viel die beiden Landwirte herstellen können. Wir erkennen auch, dass Bauer Schmid deutlich produktiver ist. Er kann mehr von beiden Gütern herstellen. Dies bezeichnet man als absoluten Vorteil. Damit ist gemeint, dass jemand weniger Zeit und Ressourcen als eine andere Person aufwenden muss, um eine bestimmte Menge an Gütern herstellen zu können.

Für die Vorteile aus gemeinsamem Handel spielen absolute Vorteile allerdings keine Rolle. Stattdessen müssen wir bestimmen, welcher Bauer einen relativen (oder komparativen) Vorteil bei der Herstellung eines Gutes hat. Damit ist gemeint, wer ein Gut relativ günstig herstellen kann. Um dies herauszufinden müssen wir die Opportunitätskosten (oder Verzichtskosten) bestimmen. Diese beschreiben, auf wie viel von ei-nem Gut wir verzichten müssen, wenn wir etwas anderes herstellen möchten.

In unserem Beispiel mit den zwei Landwirten lässt sich das einfach berechnen:


Für 1kg Äpfel... Für 1l Milch...
...verzichtet Bauer Meier auf: 1l Milch 1kg Äpfel
...verzichtet Bauer Schmid auf: 2l Milch 1/2kg Äpfel

Tabelle 2: Opportunitätskosten

Möchte Bauer Meier etwas mehr Äpfel haben, so hat er weniger Zeit für die Herstellung von Milch. Aus der ersten Tabelle sehen wir, dass er für jeden zusätzlichen Liter Milch auf 1kg Äpfel verzichten muss. Sein Nachbar hingegen muss für jeden zusätzlichen Liter Milch nur auf ½kg Äpfel verzichten. Wir sehen das, wenn wir uns vorstellen, dass Bauer Schmid 8kg statt 6kg Äpfel herstellen möchte. In diesem Fall hat er nicht mehr die Zeit, um 8 Liter Milch herstellen, sondern nur noch 4 Liter. Das sind 4 Liter weniger als vorher. Für 2kg Äpfel muss er folglich auf 4 Liter Milch verzichten. Das heisst, dass er pro zusätzlichen Liter Milch auf ein halbes Kilogramm Äpfel verzichten muss.

Diese Rechnung zeigt, dass Bauer Meier zwar insgesamt weniger Äpfel herstellen kann, jedoch bei deren Herstellung auf weniger Milch verzichten muss. In anderen Worten bedeutet dies, dass die Opportunitätskosten für ihn bei der Herstellung von Äpfeln ge-ringer sind. Daher sagt man, dass Bau-er Meier einen relativen (oder komparativen) Vorteil bei der Herstellung von Äpfeln besitzt. Umgekehrt hat sein Nachbar einen komparativen Vorteil bei der Herstellung von Milch, da er für einen zusätzlichen Liter nur auf ein halbes (statt einem ganzen) Kilogramm Äpfel verzichten muss.

In einem Gespräch haben die beiden Landwirte dies erkannt und beschliessen, in Zukunft zusammen zu arbeiten und Handel zu betreiben. Nehmen wir an die beiden Bauern vereinbaren, dass jeder sich auf das Gut spezialisiert, welches er relativ günstig herstellen kann. Das ist das Gut, bei dem er einen komparativen Vorteil hat. Anschliessend tauschen sie einen Teil ihrer Produktion, sodass beide Landwirte am Ende wieder beide Güter konsumieren können.

Wir haben gesehen, dass es für Bauer Meier relativ günstig ist, Äpfel herzustellen. Daher schlägt er vor, dass er sich vollständig darauf konzentriert, Äpfel herzustellen. Verwendet er seine gesamte Zeit auf den Apfelanbau, so kann er 5kg Äpfel herstellen. Sein Nachbar Schmid kann sich somit erlauben, etwas weniger Äpfel herzustellen und sich mehr auf die Milchproduktion konzentrieren. Nehmen wir an, dass er künftig 4kg Äpfel und 12 Liter Milch herstellt. In Tabelle 3 ist die neue Produktion grün hervorgehoben.


Bauer Meier Bauer Schmid
Äpfel Milch Äpfel Milch
0 5 0 20
1 4 2 16
2 3 4 12
3 2 6 8
4 1 8 4
5 0 10 0

Tabelle 3: Veränderte Produktion bei Handel

Zusammen haben die Landwirte nun 9kg Äpfel und 12 Liter Milch. Verglichen mit der Situation ohne Handel sehen wir, dass insgesamt zwei Liter Milch mehr als vorher hergestellt werden können:


Äpfel Milch
vorher 9kg 10l
nachher 9kg 12l

Tabelle 4: Gesamtproduktion vorher und nachher

Diese zwei zusätzlichen Liter sind der Gewinn, der durch die Spezialisierung entsteht. Da sich beide Landwirte mehr auf das Gut konzentrieren, welches sie relativ günstig herstellen können, ist es möglich insgesamt mehr herzustellen.

Am Ende des Jahres könnte Bauer Meier 2kg Äpfel an seinen Nachbarn geben und im Gegenzug drei Liter Milch bekommen. Damit hätte er genauso viele Äpfel wie ohne Handel, jedoch drei statt zwei Liter Milch. Sein Nachbar hätte ebenfalls dieselbe Menge Äpfel wie vorher (6kg), allerdings erfreut er sich auch an einem zusätzlichen Liter Milch. Statt wie vorher acht Liter Milch zu haben, produziert er nun 12 Liter und gibt davon 3 Liter an seinen Kollegen ab. Ihm verbleiben somit neun Liter (siehe Tabelle 5).


Bauer Meier Bauer Schmid
Äpfel Milch Äpfel Milch
ohne Handel 3 2 6 8
mit Handel 3 3 6 9

Tabelle 5: Konsum ohne Handel und mit Handel

Wichtig ist es festzustellen, dass beide vom Handel profitieren können, auch wenn einer der Landwirte mehr von beiden Gütern herstellen kann. In unserem Beispiel hat Bauer Schmid zwar einen grösseren Hof und bessere Maschinen. Dennoch stellt er sich besser, wenn er mit seinem Nachbarn handelt.

Im folgenden Abschnitt zeigen wir, dass sich Handel nicht nur für einzelne Personen, sondern auch für ganze Länder lohnen kann.

Internationaler Handel

Um zu verstehen, wie Länder durch Handel profitieren, betrachten wir, wie die Schweiz mit anderen Ländern handelt. Costa Rica ist eines der Länder, die am meisten Bananen anbauen und exportieren. Durch das warme Klima ist es dort relativ einfach, Bananen herzustellen. In der Schweiz hingegen bräuchte es beheizte Gewächshäuser, wollte man selbst Bananen züchten. Das macht es für die Schweiz teurer, Bananen zu produzieren. Aufgrund des Klimas hat Costa Rica also einen kom-parativen Vorteil in der Herstellung von Bananen. Die Schweiz verfügt hingegen über eine ausgeprägte Uhrenproduktion. Seit langem stellt die Schwei-zer Industrie mehr Uhren her, als von der heimischen Bevölkerung nachgefragt werden. Der Überschuss wird in andere Länder exportiert.

Zwar könnte die Schweiz selbst Bananen anbauen und Costa Rica selbst Uhren herstellen, doch dies wäre nicht sinnvoll. Der Handel zwischen beiden Ländern ermöglicht es, dass man von den jeweiligen Stärken profitieren kann. Insgesamt gelingt es so, dass beide Länder eine grössere Gesamtmenge herstellen können.

Da das Prinzip der komparativen Vorteile für sämtliche Güter und Länder gilt, ergibt sich noch ein weiterer wichtiger Aspekt: Der internationale Handel vergrössert auch die Vielfalt an Gütern, die die Menschen konsumieren können. Um dies zu sehen, stellen wir uns einmal vor, die Schweiz könnte keinen Handel mehr treiben. In dem Fall müsste sie alle Güter selbst herstellen. Da es jedoch äusserst teuer wäre, Früchte wie Bananen anzubauen, würde die Vielfalt an Produkten stark abnehmen. Diese Situation erinnert an frühere Zeiten. Erst durch den internationalen Handel und die Globalisierung kam die Schweizer Bevölkerung in den Genuss zahlreicher neuer Produkte.

Nachteile bei Handel und Spezialisierung

Neben den unbestrittenen Vorteilen gibt es aber auch Nachteile, wenn Länder miteinander handeln. Zuerst ist da die Frage, wie die Gewinne des Handels aufgeteilt werden. Darüber hinaus machen sich die Länder voneinander abhängig, wenn sie nicht alle Güter selber herstellen. Schliesslich ist es auch möglich, dass sich Entwicklungsländer wegen des Handels weniger schnell entwickeln.

Aufteilung des Handelsgewinns und Verlierer des Handels

Obwohl Handel und Spezialisierung die gesamte Menge an Gütern erhöhen, kann es Streit darüber geben, wie diese Gewinne verteilt werden.

Zunächst schauen wir noch einmal auf die beiden Landwirte, welche durch die Zusammenarbeit und den Handel insgesamt zwei zusätzliche Liter Milch herstellen können. Es stellt sich die Frage, wie dieser Handelsgewinn aufgeteilt werden soll. Während wir angenommen haben, dass beide den Gewinn brüderlich teilen, ist dies in der Praxis nicht immer so einfach. Bauer Schmid könnte seinem Nachbarn beispielsweise auch anbieten, dass er nur 2 ½ Liter Milch für die 2kg Äpfel bekommt. Es ist unklar, welches Tauschverhältnis „gerecht“ ist.

Diese Verteilungsprobleme entstehen insbesondere, wenn zwei Länder mitei-nander handeln und es Gewinner und Verlierer des Handels gibt. Wir verdeutlichen dies im folgenden Abschnitt an einem Beispiel.

In den 1970er Jahren begann die Schweiz zunehmend Kleidung zu importieren. Es braucht sehr viel menschliche Arbeitskraft, um Textilien herzustellen. Daher ist es am günstigsten, Kleidung dort herzustellen, wo die Löhne sehr niedrig sind. Aus diesem Grund stammen die meisten T-Shirts und Hosen, die heutzutage in der Schweiz verkauft werden, aus Ländern wie China oder Indien. Dies ermöglicht der Schweizer Wirtschaft einerseits, sich auf die Herstellung jener Güter zu konzentrieren, bei denen sie einen komparativen Vorteil hat (wie zum Beispiel Uhren). Andererseits hat die Schweizer Textilindustrie sehr darunter gelitten. Viele Arbeitsplätze gingen verloren und die vormals Beschäftigten mussten in eine andere Branche wechseln. Während also die Verbraucher von der günstigen importierten Kleidung profitieren konnten, gab es unter den Firmen und Beschäftigten auch Verlierer des internationalen Handels.

Internationaler Handel kann zwar insgesamt den Wohlstand vergrössern, aber trotzdem einige schlechter stellen. Dies erklärt auch, warum es häufig Forderungen nach Handelsbeschränkungen gibt. In unserem Text zum Thema „Globalisierung“ diskutieren wir dieses Problem im Detail.

Problem der Spezialisierung und Abhängigkeit

Ein weiterer Nachteil von gegenseitigem Handel ist, dass Länder von anderen Ländern abhängig werden.

In unserem Beispiel mit den zwei Landwirten hat sich Bauer Meier vollständig auf die Produktion eines Gutes (Äpfel) spezialisiert. Dies führt einerseits dazu, dass die Gesamtproduktion vergrössert wird. Andererseits wird Bauer Meier damit jedoch von seinem Nachbarn anhängig.

Dieses Problem wird häufig verwendet, um zu begründen, warum reiche Länder ihre Lebensmittelproduktion durch Subventionen unterstützen. Für Länder wie die Schweiz wäre es günstiger, die meisten Lebensmittel zu importieren. Durch Unterstützung der heimischen Landwirtschaft wird jedoch verhindert, dass die Schweiz sich zu sehr von anderen Ländern abhängig macht. Bei der Beurteilung dieser Politik müssen sowohl die Kosten der Subvention berücksichtigt werden, als auch wie problematisch eine Abhängigkeit wäre.

Probleme der Spezialisierung für Entwicklungsländer

Für Entwicklungsländer ergibt sich durch internationalen Handel möglicherweise noch ein weiteres Problem: Ihre wirtschaftliche Entwicklung kann durch Handel gebremst werden.

Oft sind die Löhne in Entwicklungsländern sehr tief. Daher liegt ihr komparativer Vorteil in der Produktion von Gütern, die sehr viel menschliche Arbeitskraft benötigen. In der Regel üben die dortigen Beschäftigten einfache Arbeitsschritte aus, für die es keine besondere Bildung braucht. In unserem obigen Beispiel sahen wir, dass Costa Rica sich auf den Anbau von Bananen spezialisieren sollte. Diese Form der Spezialisierung ist für arme Länder einerseits effizient, weil sie ihrem komparativen Vorteil entspricht. Andererseits hat sie den Nachteil, dass Menschen dort kaum Anreize haben in ihre Bildung zu investieren. Für die Arbeit auf einer Plantage benötigt man weit weniger Bildung als für die Arbeit in der Uhrenherstellung (auf die sich die Schweiz konzentrierte). Dieser Umstand kann dazu führen, dass ärmere Länder in ihrer Entwicklung gebremst werden.

Trotz dieser negativen Auswirkung sind jedoch die meisten Fachleute der An-sicht, dass die Beteiligung am internationalen Handel den Entwicklungsländern mehr nützt als schadet. So haben Länder wie China oder Südkorea stark davon profitiert, dass sie sich am welt-weiten Handel beteiligen. Die ärmsten Länder heutzutage beteiligen sich hingegen fast gar nicht am Weltmarkt.

Fazit

Im vorliegenden Text haben wir gesehen, dass Handel den Wohlstand erhöhen kann. Wenn sich Menschen und Länder auf die Herstellung jener Güter konzentrieren, bei denen sie einen komparativen Vorteil haben, können sie gemeinsam eine grössere Menge herstellen. Wir haben jedoch auch gesehen, dass es Streit um die Verteilung von Handelsgewinnen geben kann. Zudem gibt es manchmal Verlierer des internationalen Handels, auch wenn der Wohlstand insgesamt steigt.


Literaturverzeichnis [ ein-/ausblenden ]


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