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Aktuelle Entwicklungen in der Schweizer Volksschule

Die Volksschule umfasst die obligatorische Schulzeit vom Kindergarten bis zum Ende der Sekundarstufe (11 Schuljahre). Veränderungen in der Volksschule lösen wegen dem grossen Kreis an Betroffenen oft intensive Debatten aus. Ohne tieferes Verständnis der Bildungslandschaft fällt es schwer, den Diskussionen zu folgen und sich eine Meinung zu bilden. Dieser Artikel nimmt deshalb die aktuellen Themen auf und erklärt ihre Bedeutung und Hintergründe. Im ersten Teil wird auf die Themen HarmoS, Lehrplan 21 und Sprachenkompromiss eingegangen, bevor im zweiten Teil das integrative Schulmodell vorgestellt wird.

Organisation der Volksschule

Die Bundesverfassung weist den Kantonen die Verantwortung für die Volksschule zu. Jeder Kanton muss also eigenständig sein Schulsystem organisieren und kann dazu Aufgaben an die Schulgemeinden delegieren. Diese Lösung trägt den regionalen Unterschieden in der Schweiz Rechnung, birgt aber auch einige Herausforderungen. So war die Primarschule von Kanton zu Kanton unterschiedlich lang oder das Einschulungsalter verschieden. Bei einem Umzug in einen anderen Kanton hat dies oft zu Problemen geführt.

Deshalb wurde im Jahr 2006 ein neuer Verfassungsartikel zur Bildung vom Volk angenommen. Dieser belässt die Schulhoheit bei den Kantonen, aber verpflichtet sie zur Zusammenarbeit und verlangt eine Harmonisierung der kantonalen Schulsysteme. Der Artikel sieht auch vor, dass der Bund Regeln zur Harmonisierung erlässt, falls sich die Kantone nicht einigen können. Die Kantone stehen daher unter Druck, einvernehmliche Lösungen zu suchen, weil ihnen ansonsten der Bund eine verpflichtende Regelung vorschreiben wird. Harmonisiert werden sollen das Schuleintrittsalter, die Dauer und Ziele der Bildungsstufen sowie die Anerkennung von Abschlüssen.

HarmoS-Konkordat

Um die Koordination zwischen den Kantonen sicherzustellen bilden die 26 kantonalen Erziehungsdirektorinnen und –direktoren die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Die Zusammenarbeit der EDK basiert auf rechtsverbindlichen, interkantonalen Vereinbarungen (Konkordaten). Zur Umsetzung der Harmonisierung wurde im Jahr 2007 die interkantonale Vereinbarung über die Harmonisierung der obligatorischen Schule (HarmoS-Konkordat) mit folgenden Eckpunkten verabschiedet:

  • Die Primarschule inklusive Kindergarten dauert 8 Jahre, die Sekundarstufe 3 Jahre.
  • Die Bildungsziele werden harmonisiert. Dazu wurden nationale Bildungsziele definiert, die in sprachregionalen Lehrplänen konkretisiert werden müssen. Das Tessin und die Westschweiz haben bereits einen sprachregionalen Lehrplan eingeführt. Auf den geplanten, gemeinsamen Lehrplan 21 für die Deutschschweiz wird im nachfolgenden Abschnitt eingegangen.
  • In der obligatorischen Schulzeit werden Englisch und eine nationale Fremdsprache gelernt. Die erste Fremdsprache wird ab der 3. Klasse, die zweite ab der 5. Klasse gelernt. Die Reihenfolge der Sprachen wird regional definiert.

Durch diese Regelungen soll das Bildungsniveau in den Volksschulen angeglichen werden und dadurch Kantonswechsel einfacher vollzogen werden können. Kritisiert wird, dass die Kantone im Gegenzug einen Teil ihrer Autonomie verlieren und lokale Bedürfnisse nicht immer wahrgenommen werden können. Das HarmoS-Konkordat ist deshalb umstritten und nicht alle Kantone sind diesem beigetreten. Derzeit sind 15 Kantone beigetreten und haben sich verpflichtet, die Regelungen umzusetzen. Sieben Kantone haben den Beitritt abgelehnt und vier Kantone haben noch nicht entschieden (vgl. Karte).



Abbildung 1 Kantonsübersicht HarmoS, Quelle: EDK (2016)

Der Auftrag zur Harmonierung in der Bundesverfassung ist jedoch für alle Kantone verpflichtend. Deshalb werden die HarmoS-Eckpunkte teilweise auch von Kantonen ausserhalb des Konkordates umgesetzt. Trotz kantonalen Unterschieden ist in den letzten Jahren generell eine klare Tendenz zur Harmonisierung festzustellen.

Lehrplan 21

Mit dem ersten gemeinsamen Lehrplan für die Volksschule soll die angestrebte Harmonisierung der Ziele umgesetzt werden. Der Lehrplan soll für die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone gelten. Im Herbst 2014 wurde die Vorlage des Lehrplans 21 von den Deutschschweizer Erziehungsdirektorinnen und -direktoren freigegeben. Nun entscheidet jeder Kanton gemäss den eigenen Rechtsgrundlagen über die Einführung im Kanton. Die Kantone können dafür Anpassungen und Ergänzungen an der Vorlage des Lehrplans vornehmen. Die Kantone, die nicht im HarmoS-Konkordat sind, haben mehr Spielraum für Anpassungen. Wegen diesem Spielraum ist der Lehrplan weniger umstritten als HarmoS. 18 der 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone haben beschlossen, den Lehrplan 21 einzuführen (alle ausser AI, AG und VS).

Die Umsetzungsarbeiten laufen dabei je nach Kanton unterschiedlich schnell. Die meisten Kantone werden den Lehrplan im Sommer 2017 einführen.

Der Lehrplan 21 beschreibt Kompetenzen, welche die Schülerinnen und Schüler innerhalb einer Bildungsstufe erlangen sollen (Kompetenzorientierung). Es wird also nicht bloss vorgegeben, was im Unterricht behandelt werden muss, sondern was die Schülerinnen und Schüler wissen und anwenden können sollten.

Inhaltlich wird in der Sekundarstufe ein neues Modul Wirtschaft, Arbeit und Haushalt eingeführt und der Fokus auf die berufliche Orientierung verstärkt. Der Umgang mit Medien und Informatik wird auf allen Stufen mehr in den Mittelpunkt gerückt. Durch die Harmonisierung des Lehrplans sollen Schülerinnen und Schüler einer Bildungsstufe in der ganzen Schweiz immer auf demselben Wissenstand sein. Zudem wird die Zusammenarbeit der Kantone im Lehrmittelbereich und bei der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte effizienter und einfacher. Als Kritik am neuen Lehrplan wird angebracht, dass mit dem Fokus auf Kompetenzen das Wissen an Bedeutung verlieren könnte. Zudem wird bemängelt, dass durch die Harmonisierung der Ziele in die Bildungshoheit der Kantone eingegriffen werde. Der Erfolg in der Umsetzung wird sich ab Sommer 2017 zeigen, wenn die Lehrpersonen in den meisten Kantonen mit dem neuen Lehrplan unterrichten.

Sprachenkompromiss

Beim Sprachunterricht an der Volkschule gibt es verschiedene kantonale Lösungen. Weitgehend unumstritten ist, dass es für den nationalen Zusammenhalt und die Verständigung wichtig ist, dass in der Volksschule eine Landesprache als Fremdsprache gelehrt wird. Englisch soll wegen der internationalen Bedeutung ebenfalls in der Volkschule unterrichtet werden. Unterschiedliche Auffassungen bestehen darüber, ab wann und in welcher Reihenfolge die Fremdsprachen Unterrichtsinhalt sein sollen.

2004 hat die EDK eine nationale Strategie zum Sprachenunterricht verabschiedet, den sogenannten Sprachenkompromiss. Dieser sieht vor, dass die Kinder in der Primarschule zwei Fremdsprachen lernen. Die erste Fremdsprache soll ab der dritten, die zweiten ab der fünften Klasse gelernt werden. Die Einstiegsfremdsprache wählt jeder Kanton eigenständig. Dieses Modell ist im HarmoS-Konkordat und im Lehrplan 21 vorgesehen und wird heute in den meisten Kantonen umgesetzt. Es kann aber in Kantonen, die nicht im HarmoS-Konkordat sind auch unter dem neuen Lehrplan angepasst werden.

Neu aufgekommen ist die Diskussion, weil der Kanton Thurgau den Französischunterricht in die Oberstufe verlegt hat und somit von der getroffenen Regelung abweicht. Auch in anderen Kantonen laufen entsprechende Diskussionen und teilweise gibt es hängige kantonale Initiativen (z.B. LU, ZH, BL). Als Begründung für das Abweichen vom Sprachenkompromiss wird meist angebracht, dass die Schülerinnen und Schüler mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule überfordert seien.

Für die weitere Entwicklung ist wichtig, ob sich die Kantone auf einen Kompromiss einigen können und wie die kantonalen Abstimmungen dazu ausfallen werden. Ergeben sich grössere Abweichungen zwischen den Kantonen ist ein Eingreifen des Bundes wahrscheinlich. Gestützt auf den im Jahr 2006 angenommen Bildungsartikel in der Verfassung kann der Bund eine Regelung vorgeben, um die Harmonisierung sicherzustellen. Im Bildungsministerium von Bundesrat Alain Berset laufen Vorbereitungen für ein allfälliges nationales Gesetz.

Integratives Schulmodell

Integrative Schulmodelle sind ein weiteres aktuelles Thema in der Volkschule. Beim integrativen Schulmodell werden Kinder mit besonderen Bedürfnissen in die Regelklassen integriert, anstatt in Kleinklassen gesondert unterrichtet zu werden. Betroffen davon sind Kinder mit Behinderungen, Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten. In vielen Gemeinden wurden in den letzten Jahren Erfahrungen mit integrativen Schulmodellen gemacht. Eine aktuelle Umfrage im Kanton Graubünden hat ergeben, dass 80% der Lehrpersonen glauben, dass die integrierten Kinder vom integrativen Schulmodell profitieren und 63% bestätigen, dass auch der Lernerfolg der Klasse positiv beeinflusst wird. Allerdings zeigen sich auch Probleme bei der Umsetzung der Modelle. Viele Lehrkräfte bemängeln, dass die Integration einen grossen Mehraufwand bedeute, der nur ungenügend kompensiert werde. Gefordert werden unter anderem mehr Tandemlektionen mit zwei Lehrpersonen in einer Klasse oder zusätzliche Einzelförderung. In vielen Pilotprojekten werden dazu derzeit Erfahrungen gesammelt.


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Zusammenfassung

Änderungen in der Volks­chule lö­sen wegen dem gros­sen Kreis an Be­trof­fen oft kon­tro­verse Dis­kus­sio­nen aus. Im Jahr 2006 hat das Schwei­zer Volk einen Verfassungsartikel an­ge­nom­men, der die Kan­tone zur Har­mo­ni­sie­rung des Schul­sys­tems zwingt. Als Re­ak­tion auf die­sen Auf­trag haben die Kan­tone das Har­moS-­Kon­kor­dat er­ar­bei­tet, dem bis heute 15 Kan­tone bei­ge­tre­ten sind. Das Kon­kor­dat re­gelt die wich­tigs­ten Eck­punkte zum Schu­lein­tritts­al­ter, der Dauer und den Lern­zie­len der Volks­schu­le. Ei­nige Kan­tone möch­ten ihre Autonomie im Bil­dungs­be­reich nicht so stark ein­schrän­ken und sind des­halb nicht im Har­moS-­Kon­kor­dat.

Der neue Lehr­plan 21 soll für alle deutsch- und mehr­spra­chi­gen Kan­tone der Schweiz gel­ten und wird in den meis­ten Kan­to­nen im Som­mer 2017 ein­ge­führt. Er gibt Kom­pe­ten­zen vor, wel­che die Schü­le­rin­nen und Schü­ler am Ende jeder Bil­dungs­stufe be­herr­schen soll­ten. Auch der neue Lehr­plan ist teil­weise um­strit­ten.

Weiter müs­sen die Kan­tone eine Lö­sung für den Spra­chen­un­ter­richt fin­den, da der im Jahr 2004 be­schlos­sene Spra­chen­kom­pro­miss nicht ü­ber­all um­ge­setzt wird. Die In­te­gra­tion von Schü­lern mit be­son­de­ren Be­dürf­nis­sen ist schliess­lich eine zu­sätz­li­che ak­tu­elle Her­aus­for­de­rung der Volks­schu­le.

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