Einfach, schnell und neutral informiert
Sicherheit, Kriminalität > Armee
Die Zukunft der Schweizer Armee

Die Zukunft der Schweizer Armee

Auf den neu bestimmten Armeechef Philippe Rebord warten grosse Aufgaben, welche in den nächsten Jahren zu bewältigen sind. Dieser Artikel befasst sich mit Fokus auf der Weiterentwicklung der Armee (WEA) mit der Umgestaltung des Schweizer Militärs in der Zukunft. Neben der Erläuterung versucht der Autor die Änderungen durch kritische Meinungen zu hinterfragen.

Rebords Herausforderungen

Die WEA wird das zentrale Projekt sein, welches der zukünftige Chef der Armee (CdA) zu leiten und auszubauen hat. Rebord hat die Aufgabe, die Schweizer Armee so auszurichten, dass sie die Schweiz auch noch in Zukunft verteidigen und in ausserordentlichen Situationen eingreifen kann. Weitere Projekte der Armee sind das Mobilisierungs- und Stabilisierungskonzept sowie die Erneuerung der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) innerhalb der Armee. Zudem stellt sich nicht erst seit dem weiteren Absturz einer F/A-18 Ende August die Frage, wie die Luftwaffe der Armee ihren Auftrag in Zukunft erfüllen soll. Die Ausmusterung der Flotte F/A-18 Flieger steht nach der aktuellen Instandhaltung 2030 bevor. Der Kauf neuer Kampfjets muss also in den nächsten Jahren diskutiert werden. Schlussendlich sorgte die Beschaffung des BODLUV-Flugabwehrsystems für negative Schlagzeilen. Sie wurde bei der Übernahme von Guy Parmelin als Chef des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) sistiert. Unter anderem sollen aufgrund von Indiskretionen wie beim Fall BODLUV zudem allgemein die Prozesse und die interne Kommunikation innerhalb der Milizarmee überprüft werden.

WEA

Nachdem das Projekt WEA im Parlament erst zu scheitern drohte, ist nun doch noch ein Kompromiss zustande gekommen. Das zusätzlich benötigte Budget wurde durch einen Bundesbeschluss vom Parlament abgesegnet. Da das Volkreferendum nicht zustande kam, ist die WEA nun unter Dach und Fach. Die Kernthemen der WEA sind die folgenden:

• Bestand: 100’000 Angehörige der Armee (AdA)

• Kostendach: 5 Mrd. CHF

• Fundament: Wehrpflicht und Milizprinzip

Dazu kommen die vier sogenannten Kernpunkte «Höhere Bereitschaft, Regionalisierung, effektivere Kaderausbildung und vollständige Ausrüstung», auf welche später näher eingegangen wird.



Abbildung 1: Historischer Effektivbestand der Armee inkl. Reserve bis 31. Dezember 2015 mit dem vorgegebenen Sollbestand (Quelle: EDA)

Die Verkleinerung des Sollbestandes um die Hälfte (heute liegt der Sollbestand bei 200‘000) zielt auf die Effizienz und die Schlagkräftigkeit einer zukünftigen kompakten Armee. Dabei muss jedoch erwähnt werden, dass die Armee gemäss letzter Erhebung von 2016 einen Effektivbestand von etwas über 165‘000 AdA hatte, wovon ca. 40‘000 AdA in der Reserve waren und faktisch entlassen waren. Zudem ist der geplante Effektivbestand mit dem Faktor 1.4 (resp. 140‘000 AdA) über dem künftigen Sollbestand von 100‘000 AdA. So wird sichergestellt, dass trotz Nichteinrücken von einigen AdA der Auftrag und die Ausbildung erfüllt werden kann. Der Effektivbestand würde sich somit gar um 15‘000 AdA erhöhen. Die «Verkleinerung» auf dem Papier ist vielen bürgerlichen Politikern dennoch ein Dorn im Auge und einer der Hauptkritikpunkte der Reform. 69 Bataillone und Abteilungen werden aufgelöst und die Reserve wird gestrichen. Zudem finden einige Offiziere, dass man das heutige Rekrutierungsverfahren überdenken müsse und die Kriterien verschärfen sollte. So liesse sich das nötige Niveau des jetzigen Sollbestandes nämlich erreichen, so ihr Grundtenor. Ein weiterer Punkt der WEA, welcher für rote Köpfe sorgt, ist die Finanzierung. Weniger sei mehr. So wird das Konzept der WEA verkauft. Die Armee wird zwar halbiert, dadurch soll sie aber besser ausgerüstet, schlagkräftiger und effizienter werden. Trotz dieser drastischen Reduktion bei der Truppe und den Immobilien drohen die Verwaltungs- und Betriebskosten gleich hoch zu bleiben. Der oft erwähnte «Wasserkopf» der Schweizer Armee und ihrer Verwaltung muss weiterhin finanziert werden und so stehen operativ wichtige Rüstungsprogramme wohl weiterhin hinten an. Teile der Milizorganisation «Gruppe Giardino» fordern deshalb, dass die Teppichetage der Armee parallel zur WEA auch reduziert werden müsse. So sind nach ihrer Meinung 50 höhere Stabsoffiziere zu viel und die Militärverwaltung sei reine Ressourcenverschwendung, welche seit der Armee XXI unnötig ausgebaut wurde. Das VBS weist hingegen darauf hin, dass an den Betrieb hohe Anforderungen gestellt wurden und dass man das Bundespersonal nicht linear zum Bestand kürzen könne. Zudem haben neuere Technologien und deren Einsatz dazu geführt, dass neue Positionen besetzt werden müssen. Als Beispiele werden der 24-Stunden-Luftpolizeidienst oder die Friedensförderung im Ausland genannt.

Im Folgenden werden die vier «Kernpunkte» der Weiterentwicklung der Armee im Detail erläutert.

Höhere Bereitschaft

Der Kernpunkt der erhöhten Bereitschaft zielt auf eine rasche Ausrüstung von grossen Teilen der Truppe bei unerwarteten Ereignissen. Durch die «Milizformationen mit hoher Bereitschaft» könne man innerhalb kurzer Zeit Truppen mobilisieren. So könne man innerhalb von 10 Tagen bis zu 35‘000 AdA aufbieten und vollständig ausrüsten. Zudem sollen zwei neuerdings permanent bewaffnete Kampfflugzeuge bereitstehen, so dass Luftpolizeieinsätze gewährleistet sind. Gegner der WEA auf bürgerlicher Seite finden 10 Tage zu viel und fordern eine höhere Bereitschaft, bei welcher man innert 24 Stunden einsatzfähig ist.



Abbildung 2: Das Prinzip des neuen abgestuften Bereitschaftssystems für unvorhersehbare Einsätze (Quelle: VBS, 2016)

Effektivere Kaderausbildung

Man möchte eine effizientere und wirksamere Kaderausbildung erreichen. Jeder Kader absolviert wieder eine gesamte Rekrutenschule (RS) und erhält somit mehr Fach- und Führungserfahrung. Die Ausbildung wird dadurch zwar länger werden, man kritisiert dabei jedoch, dass der Offizier auch in Zukunft den Unteroffiziersgrad nicht oder nur unvollständig abverdient. Somit verfüge er nicht über mehr Personalführungserfahrung als zuvor. In Verbindung mit der hohen Anzahl an zu leistenden Diensttagen ist das alte System der Armee 61, bei welchem jeder Grad abverdient werden musste, im Gegensatz zur Lösung der WEA jedoch keine reelle Alternativlösung in Anbetracht der heutigen Prioritäten von jungen Männer und Frauen hinsichtlich ihrer Zukunftsplanung.

Vollständige Ausrüstung

Durch die Verkleinerung des Bestandes und der Neubeschaffung von Material sei es in Zukunft möglich, alle Truppen vollständig auszurüsten. Milizformationen mit hoher Bereitschaft können sich zudem in den fünf Armeelogistikzentren oder den Aussenstellen innerhalb weniger Tagen rasch ausrüsten. WEA-Gegner weisen hier oft darauf hin, dass nie sämtliche Truppen der früheren Armeen vollständig und auf neustem Stand ausgerüstet waren. So würden die High-Tech Ausrüstungen nur bei bestimmten Truppengattungen einen Sinn ergeben während sie bei anderen Einheiten nicht nötig seien.

Regionale Verankerung

Mit der WEA strebt man die Nähe zur Bevölkerung, Verankerung in der Gemeinde und den Kantonen an. Die vier Territorialregionen werden umbenannt in Territorialdivisionen und sollen vermehrt in die Kommunikation mit den Behörden eingebunden werden. Des Weiteren soll durch die Verkleinerung der Einheiten der Wiederholungskurs (WK) wieder vermehrt innerhalb kleiner Gemeinden durchgeführt werden. Somit soll der Bezug der Bevölkerung zu Armee wieder gestärkt werden.

Meilensteine bis 2020

Die Umsetzungen der vorgesehenen Massnahmen der WEA werden ab dem Jahr 2018 beginnen. Die neuen Kaderlehrgänge und deren Auswirkungen beginnen bereits ab Sommer 2017. Mit der WEA wird zudem die Führungsstruktur der Armee neu gegliedert. So wird die Organisation neu in die Kommandos Operationen, Unterstützung und Ausbildung unterteilt. Diese werden weiterhin vom CdA und dessen Armeestab geführt. Ein Problem, welches diese Armeeführung in Zukunft auf die Probe stellt wird die breitgefächerte Kritik aus der Bevölkerung sein. Die Kritik erfolgte nicht nur aus klassischen Armeekritikerkreisen, sondern auch vermehrt durch bürgerliche Parteien und Vereinigungen, welche sich eine grössere Armee wünschen. Die Debatte wiederspiegelt die seit dem Ende des kalten Krieges entstandene Uneinigkeit über Rolle und Aufgabe der Armee in der Schweiz.

BODLUV

Neben dem WEA-Projekt war das Beschaffungsprojekt BODLUV kürzlich oft in den Schlagzeilen. Untersuchungen über die Vorfälle und die interne Kommunikation zeigten Indiskretionen auf. Die Berichterstattung der Medien sorgte schlussendlich für den Absturz des Projektes. Der neu gewählte Verteidigungsminister Guy Parmelin sistierte das Projekt. Die Militärjustiz behandelte den Fall. In der sechsmonatigen Untersuchung konnte niemandem eine Verletzung von Dienstgeheimnissen nachgewiesen werden. Als Folge der Debatte werden nun die Kommunikation sowie die internen Abläufe, Strukturen und Kontrollen überprüft.

Zukunft der Milizarmee

2013 wurde die Initiative zur Abschaffung der Wehrpflicht vom Volk deutlich abgelehnt. Dennoch stellt sich mit der Bestandreduktion auf 100'000 AdA durch die WEA die Frage, wer in Zukunft noch Dienst leistet. Auf der einen Seite möchte man das System der Wehrgerechtigkeit nicht verabschieden. Auf der anderen Seite benötigt man jedoch nur eine bestimmte Anzahl der dienstleitungspflichtigen Männer, welche zu fähigen Spezialisten ausgebildet werden können. Diese Diskussionen führe zudem zu einer neuen Dienstleistungsdebatte, welche die Frauen ebenfalls einbezieht. So dient das «Modell Norwegen» als Vorzeigebeispiel für die Wehrpflicht von Frauen. Dabei sollen nur diejenigen Personen Militär leisten, welche aufgrund ihrer Qualifikation einen Mehrwert für die Armee schaffen können. Dieses Modell würde jedoch eine Verfassungsänderung mit sich ziehen. Das letzte Wort wird somit das Volk haben.

Luftwaffe

Durch das Volks-Nein gegen die Neubeschaffung des schwedischen Kampffliegers Gripen muss das VBS auf den Plan «B» der Nachrüstung zurückgreifen. Durch die Beschaffung von Ersatzteilen und durch Reparatur wird es möglich sein, dass die aktuelle F/A-18-Flotte nun fünf Jahre länger bis 2030 in der Luft sein wird. Das Ganze wird rund eine halbe Milliarde CHF kosten. Zudem sollen die 1975 und 1981 beschafften Tiger Kampfjets durch eine Nachrüstung für 30 Millionen CHF noch jahrelang als «Serviceflugzeuge» dienen, welche nur begrenzt Luftraumsicherungsaufgaben übernehmen können. Der Plan «A», die Neubeschaffung von Kampfjets, ist jedoch damit nicht vom Tisch.

Die Armee als Friedensförderer

Die Schweizer Armee tätigt bereits seit langer Zeit Einsätze zur militärischen Friedensförderung. Vor zwanzig Jahren entsandte die Schweiz Truppen zur Unterstützung der Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) nach Bosnien-Herzegowina. 1996 beschloss man sich zur Partnerschaft für den Frieden der Nato beizutreten. Friedensförderung im internationalen Rahmen ist einer der drei Aufträge der Schweizer Armee und in der Verfassung verankert. Der Einsatz im Ausland mit der grössten Truppenstärke befindet sich im Kosovo. Zudem leisten jeweils eine kleinere Anzahl von Offizieren Dienst als Militärbeobachter im Nahen Osten und anderen Krisengebieten. Zum ersten Mal seit Beginn der Mission vor 17 Jahren soll im Rahmen der KFOR im Kosovo die Truppenstärke nun reduziert werden. Der Auftrag wurde jedoch um weitere drei Jahre verlängert.

Zukunftsausblick

Durch die WEA passt sich die Schweizer Armee an die neuen soziokulturellen aber auch gefahrentechnischen Gegebenheiten an. Konflikte der Zukunft zeichnen sich wohl vordergründig durch technische und asymmetrische Kriegsführungen aus. Durch den Aufbau einer effizienteren und kompakten Armee richte man sich nach dieser Entwicklung. Nun liegt es am zukünftigen Armeechef Philippe Rebord, dass diese Anpassung der Armee auch auf dieses Ziel ausgerichtet und korrekt umgesetzt wird. Die Bevölkerung hat sich durch das klare Nein gegen die Abschaffung der Milizarmee für eine Schweizer Armee ausgesprochen. Ereignisse der nahen Vergangenheit oder der Gegenwart, wie der Krim-Krise, der Syrienkonflikt mit dem Islamischen Staat oder der Flüchtlingskrise unterstützen diese Einstellung der Bevölkerung, dass eine Armee weiterhin notwendig ist. Sei es der Luftpolizeidienst, die Sicherung an der Grenze oder der Einsatz des Katastrophenhilfebataillons in Ausnahmesituationen. Nun liegt es an der Armeeführung eine neue Armee mit geeinten Kräften und ressourceneffizient in die richtige Richtung zu manövrieren.


Literaturverzeichnis [ ein-/ausblenden ]


Text weiterempfehlen:  

Jetzt informiert bleiben!

Jetzt ein­tragen und im­mer ein­fach und sch­nell infor­miert sein!

Tra­gen Sie jetzt Ihre E-Mail­adres­se ein und wir infor­mieren Sie sobald ein neuer Text von Vimentis zu aktuellen poli­tischen Themen er­scheint. Damit sind Sie im­mer auf dem laufen­den.

Ihre E-Mailadresse wird nicht weitergegeben, Sie erhalten keinen Spam und können Sich jederzeit abmelden.

Text bewerten:

Sie haben den Text gelesen?
Bitte bewerten Sie ihn, damit wir unsere Qualität weiter sichern können. Danke!

Neutralität:
Einfachheit:
Gesamthaft:
Verbesserungsvorschläge / Feedback
optional
Einfach erklärt

Vergangene Ar­mee­wei­ter­ent­wick­lun­gen in der Übersicht

Mit dem Fall der Mauer wurde die Armee 61 neu aus­ge­rich­tet. Diese Re­form 95 sowie die spätere Re­form XXI ist in der Ab­bil­dung 1 deut­lich er­kenn­bar. Man setzte die Bestände deut­lich herab und re­du­zierte die Dienst­jah­re. Durch Feh­ler der Re­form 95 und der po­li­ti­schen Dis­kre­panz war um die Jahr­tau­send­wende dann die Armee XXI mit einem Soll­be­stand von 200‘000 AdA nötig.

Territorialdivision

Die Ter­ri­to­ri­al­re­gio­nen heis­sen durch die WEA neu­er­dings Ter­ri­to­ri­al­di­vi­sio­nen. Sie die­nen als re­gio­na­les Bin­de­glied zu den Kan­to­nen und ver­fü­gen über das spe­zi­fi­sche Wis­sen in ihrem Raum. Es be­ste­hen gemäss der Ver­ord­nung über die ter­ri­to­ria­len Auf­ga­ben der Armee (VTA) vier Regionen.

Kommentare von Lesern zum Artikel

[ Neuen Kommentar verfassen ]

Noch keine Beiträge vorhanden. Schreiben Sie den ersten!

Neuen Kommentar verfassen

Sie müssen als User, Newsletter-Abonnent oder Gönner von Vimentis oder bei Facebook registriert sein, um auf diese Seite zugreifen zu können. Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich kostenlos:

Auf Vimentis direkt einloggen..
 
 ... oder mit Ihrem Facebook-Account
 
E-Mailadresse:
Passwort:

Haben Sie Ihr Passwort vergessen?